Hertha BSC

Zwischen Frust und Freude

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Hertha zieht Kraft aus der Pleite in Wolfsburg, hat aber weiter offensiv Probleme. Eine neue Taktik soll sie beheben

Es ist noch nicht ganz ersichtlich, um was für eine Fußball-Mannschaft es sich bei Hertha BSC handelt. Ob sie hell in der Birne ist, oder eher nicht. Pal Dardai kann das noch nicht abschließend bewerten. „Eine intelligente Mannschaft braucht etwa sechs Wochen, um die Vorgaben ihres Trainers umzusetzen. Eine nicht so intelligente braucht drei Monate. Mal sehen, was meine ist“, sagte der ungarische Trainer am Montag und schaute seinen Worten hinterher, ob sie auch alle Journalisten schön mitschreiben.

Dardai hat das seit seiner Berufung bei Hertha vor fast drei Wochen oft getan. Einen raushauen und sich darüber freuen, wenn die Presse das aufnimmt. Das zieht schließlich die Aufmerksamkeit auf ihn und weg von seinem Team, das im Abstiegskampf ohnehin genug mit sich selbst zu tun hat und dem Dardai ein mentales Problem attestiert. Ablenkungsmanöver nennt er das.

4-4-2 mit variablen Angreifern

Aber es ist ja auch so, dass sich der 38-Jährige bisher tatsächlich nicht sicher sein kann, was für eine Mannschaft ihm da anvertraut wurde. Es geht dabei nur weniger um ihre Denkkraft, als um ihren Charakter. Nach der kämpferischen Leistung in Mainz und dem Sieg zum Einstand (2:0) folgte ein seltsam lebloser Auftritt daheim gegen Freiburg und die erste Pleite unter Dardai (0:2). Auch in Spiel drei wurde nun verloren – 1:2 gegen den VfL Wolfsburg. Er sei deshalb unzufrieden, habe aber trotzdem erfreuliche Erkenntnisse bezüglich der Charakterfrage gesammelt: „Was ich sehen wollte, habe ich gesehen. Die Jungs sind ans Limit gegangen. Sie haben Moral gezeigt. Das ist die Basis, auf der wir aufbauen können.“ Frust und Freude gleichermaßen.

Nach dem Spiel gegen den derzeit gedeihenden Tabellenzweiten, bei dem sich Hertha im Vergleich zur Pleite gegen Freiburg tatsächlich besser verkaufte, sprach Dardai viel vom lieben Gott. Wahlweise war es auch der Fußballgott, aber es ist anzunehmen, dass das für den Ex-Profi irgendwie dasselbe ist. Der jedenfalls habe nicht gewollt, dass Hertha punktet, sagte Dardai, was letztlich nichts anderes heißt als: Mit ein bisschen mehr Glück hätten wir etwas Zählbares mitnehmen können. Aber Dardai glaubt auch, dass sich der Fußballgott überzeugen lässt, wenn man sich nur lange genug vorbildlich präsentiert: „Für das Glück muss man kämpfen. Man muss dran bleiben. Dann kommt auch irgendwann etwas dabei heraus. Das haben die Jungs jetzt verstanden“, sagte er. Dardai will eine Mannschaft nach seinem Ebenbild – eine, die rennt, manchmal auch ein bisschen schmutzig spielt, immer aber mit vollem Einsatz zu Werke geht. So, wie er einst als Profi. Die Partie beim VfL sei ein Anfang gewesen – „ein erster Schritt nach vorn“ . Die Statistik zeigte am Ende eine Laufleistung von 123,5 Kilometer an. Nie zuvor in dieser Saison war Hertha so viel gerannt.

Und dennoch zeigte jenes Spiel auch einmal mehr, dass die Berliner offensiv weiter enorme Probleme haben. Nur eine gute Torchance in 90 Minuten wurde kreiert. Julian Schieber nutzte sie. Zu Dardais Stärken gehört, dass er die Dinge nicht beschönigt. „Nicht in die eigene Tasche lügen“, nennt er das. Die mangelnde Angriffskraft sprach der Cheftrainer am Montag von selbst an: „Wir müssen uns offensiv verbessern. Die Torchancen fehlen. Das hat sicher auch mit dem Mentalen zutun. Die Jungs müssen es sich zutrauen.“ Für die Trainingswoche bis zur Heimpartie gegen den FC Augsburg am Sonnabend sei der Angriff ein Schwerpunkt.

Damit vorn mehr passiert, verabschiedet sich Dardai vom 4-2-3-1-System, das sein Vorgänger Jos Luhukay nie angetastet hatte. Gegen Wolfsburg begann er im 4-4-2 mit Salomon Kalou und Valentin Stocker in der Spitze sowie Schieber zunächst über links. Die drei sollten im Verlauf der Partie ständig die Positionen tauschen. Das klappte zumindest beim Ausgleich durch Schieber gut, den Stocker über links einleitete. Dardai will das System mit zwei Stürmern und variablen Positionen auch gegen Augsburg beibehalten: „Wir sollen nicht so statisch sein. Dann sind wir zu leicht ausrechenbar“, sagte er. Weil die Torquote schon die gesamte Saison zu niedrig ist (derzeit steht Hertha bei 27 Treffern), will Dardai mehr Flexibilität im Sturm: „Jeder da vorn muss improvisieren und jede Position spielen können“, sagte er. „Wir haben die Spieler dafür. Schieber kann auch außen spielen. Kalou ebenso.“ Der Ivorer habe sich gesteigert im Vergleich zum Freiburgspiel, als er nie zu sehen war. An ihm wird Dardai festhalten. Dafür muss er gegen Augsburg Stocker ersetzen, der seine fünfte Gelbe Karte sah. „Wir haben Lösungen. Marvin Plattenhardt (fehlte krank; Anm. Red.) kommt zurück, Nico Schulz kann dann nach links vorn rücken“, sagte Dardai.

Dardai fordert Sieg über Augsburg

Weniger flexibel ist Dardai nun bei seiner Zielsetzung: Er hatte der Mannschaft nach der Pleite gegen Freiburg gesagt, dass sie den Klassenerhalt dann schaffe, wenn sie jedes zweite Spiel gewinnt. Die Niederlage in Wolfsburg war ja irgendwie schon eingeplant. Aber: „Jetzt haben die Jungs Druck. Nach Plan müssen sie zu Hause gegen den FC Augsburg gewinnen“, sagte Dardai. Der Heimsieg sei Pflicht. Auch das schrieben alle Journalisten artig mit, weil es danach klingt, als erhöhe der Trainer den Druck aufs Team. Die Frage ist, ob das am Ende auch klug von Pal Dardai war. Druck hatte die Mannschaft fast die gesamte Saison lang. Umgehen konnte sie damit aber nur sehr selten.