Radsport

Immer der Möhre hinterher

Kristina Vogels Bahnrad-Karriere schien einst vorbei zu sein, nun ist sie sechs Mal Weltmeisterin

Ihre Mentaltrainerin benutzte einst ein schönes Bild, um aus Kristina Vogel wirklich alles herauszukitzeln. Sie war der Hase, der vor der Möhre hockt und nur noch zuschnappen muss. Als es zum WM-Auftakt mit dem vierten Platz im Teamsprint an der Seite von Miriam Welte nicht zu einer Medaille reichte, erinnerte sich auch Vogels Trainer Tim Zühlke daran und schenkte ihr zwei Möhren. „Eine habe ich vor dem Halbfinale gegessen, auf die andere freue ich mich jetzt“, sagte die Erfurter Radsprinterin mit der Goldmedaille als Sprint-Weltmeisterin um den Hals.

Als die 24 Jahre alte Polizeimeisterin auf dem Siegerpodest die Nationalhymne mitsang, hatte sie Tränen in den Augen. „Ich war am Morgen so aufgeregt, ich habe kaum geschlafen, bin mega nervös herumgesprungen“, sagte Vogel, nachdem sie etwas ganz Besonderes geleistet hatte. Nicht nur, weil die Thüringerin längst zur Gejagten im gesamten Frauen-Sprint geworden ist, war der schon sechste WM-Titel ihrer Karriere so bedeutsam für sie. Beim Weltcup im vergangenen November in Guadalajara suchte sie eine Lebensmittelvergiftung heim, später sorgte sie sich um ihren Freund Michael Seidenbecher, der im Krankenhaus lag. All das strapazierte die Nerven. „Auch deshalb ist diese Goldmedaille jetzt so wertvoll für mich“, sagte Vogel, deren Karriere vor sechs Jahren fast vorbei gewesen wäre, als sie im Training von einem Auto erfasst wurde und zwei Tage im Koma lag.

Mit ihrem Titel sorgte sie auch beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) für entspanntere Gesichter. Mit drei WM-Titeln, einer Silbermedaille und drei bronzenen Plaketten kehrte die deutsche Mannschaft nach Hause zurück. Dass Vogel am Sonntag als Titelverteidigerin im Keirin-Rennen schon in der ersten Runde scheiterte, war nur im ersten Augenblick schmerzvoll für sie: „Das hat natürlich wehgetan, aber als ich zurück im Hotelzimmer war und mein Siegertrikot vom Sprint gesehen habe, war die Freude wieder da“, sagte sie.

Mentale Stärke als Trumpf

Das Sprintturnier war für Kristina Vogel so etwas wie ein Spiegelbild der vergangenen Monate, als sie ebenso zahlreiche Klippen überwinden musste. Als sie im Halbfinale zum ersten Lauf gegen die Chinesin Tianshi Zhong antrat, beendete ein lauter Knall das Rennen nach nur einer Runde. Aus dem Dach des National Velodrom tropfte das Kondenswasser auf die Holzbahn. Ehe die Piste trocken war, vergingen 20 Minuten. „Kristina hat gezeigt, wie mental stark sie inzwischen geworden ist“, sagte Trainer Zühlke.

Als Vogel spät am Abend wieder zurück in ihrem Zimmer war, schnappte sie sich die zweite Möhre, die ihr Zühlke gegeben hatte. „Ich mag Möhren, die sind schließlich gesund“, sagte Vogel. Mindestens genauso gut tut es, mit der Goldmedaille auf dem Treppchen zu stehen.