Boxen

„Da ist eine Narbe auf meiner Seele“

Arthur Abraham aus Berlin hofft nach dem Sieg gegen den Briten Smith auf eine Revanche gegen Weltmeister Froch

Abgeklärt, fast schon ein wenig unterkühlt. Etwa so lässt sich die souveräne Titelverteidigung (116:112, 117:111, 117:111) von Supermittelgewichts-Weltmeister Arthur Abraham – in seinem 46. Kampf als Boxprofi – gegen den bewundernswert tapferen und engagierten Briten Paul Smith beschreiben. Einen Tag nach seinem Geburtstag zeigte der Berliner, mittlerweile 35 Jahre alt, gegen den knapp drei Jahre jüngeren Herausforderer vor 8000 Zuschauern in der O2 World (4,09 Millionen via TV bei Sat. 1) eine bemerkenswerte Vorstellung.

Dem alten und neuen Champion, in Smokingjacke, weißem Hemd und schwarzer Fliege in den Ring geklettert, gelang eine Art Rundenchoreografie. Immer präsent, nahezu in jedem Drei-Minuten-Abschnitt die richtigen, weil deutlich sichtbaren Trefferakzente setzend, und doch auf der sicheren Seite. Bemerkenswert auch: Abraham nahm in Kauf, seine K.o.-Ankündigung nicht in die Tat umsetzen zu können, weil Smith durchgängig gefährlich geblieben war – und wohl auch, weil der reife Abraham verstanden hat, dass auch er seine Kräfte einteilen muss.

Die Gesänge der rund 500 mitgereisten englischen Boxfans nahmen ab Runde fünf des WM-Duells jedenfalls deutlich an Lautstärke ab. „Diesmal gibt es keine Entschuldigungen, Arthur war viel stärker als im ersten Kampf. Er hat sehr früh und sehr hart getroffen. Er hat wie ein Champ geboxt“, lobte Smith den Titelverteidiger, gegen den er bereits im September 2014 in Kiel unterlegen war.

„Ich wollte wirklich den K.o., aber ich lerne dazu. Paul hat es mir zu schwer gemacht, er war zu hart. Respekt. Ich werde mit dem Alter auch cleverer und reifer“, sagte Abraham. Er blieb nach seinem Triumph jedenfalls sehr zurückhaltend, in Gedanken schon bei der nächsten Aufgabe: „Ich werde mich jetzt ein wenig erholen. Dann würde ich gern gegen Felix Sturm boxen. Aber darauf habe ich keinen Einfluss, das macht mein Management.“

Zunächst „droht“ aber ein viertes Aufeinandertreffen mit Robert Stieglitz, 33, der von der World Boxing Organization (WBO) als Pflichtherausforderer geführt wird. Die schriftliche Aufforderung, sich dem Magdeburger zu stellen, erwartet Abraham-Manager Kalle Sauerland bereits am Montag in seinem Briefkasten vorzufinden. Endgültig entschieden ist aber noch nichts. Bislang führt Abraham mit 2:1 Siegen. „Es gibt einen, wenn auch sehr kleinen Spielraum. Ich werde meinen Job machen, aber ich muss alle Beteiligten unter einen Hut bringen, alle müssen einverstanden sein“, sagte Sauerland, und ein feines Lächeln umspielte die Mundwinkel des 37-Jährigen.

Diesmal-Zuschauer Robert Stieglitz fand den Kampf eher langweilig. „Manchmal bin ich fast eingeschlafen“, befand der Ex-Weltmeister und machte damit eine schlechte Figur. Die Qualität des Duells sollte er durchaus wertfrei registriert haben. Mit der Stieglitz-Bewertung konfrontiert sagte Abraham nur: „Abraham gegen Sturm wollen, glaube ich jedenfalls, tausendmal mehr Leute sehen als zum vierten Mal Abraham gegen Stieglitz.“

Für Sturm gegen Abraham spricht, dass der Kölner kürzlich eine WM-Chance im Mittelgewicht (um den vakanten IBF-Titel) ausgeschlagen hat. Explizit, weil der 36-jährige Kölner im Supermittelgewicht Fuß fassen will. Doch Robert Stieglitz kennt seine gute Position. „Arthur muss innerhalb von 90 Tagen gegen mich in den Ring, das zählt“, so der Pflichtherausforderer. Möglicherweise zählt aber eine Sidestep-Prämie (sicher ein sechsstellige Summe) für den vorläufigen Verzicht noch ein wenig mehr. Zumal damit verbunden wäre, dass Stieglitz später gegen den Sieger aus Abraham-Sturm um die Weltmeisterschaft boxen dürfte.

Trainer Wegner voll des Lobes

Kalle Sauerland brachte allerdings noch eine dritte Variante ins Gespräch. Eddie Hearn, Manager von Paul Smith ist auch Manager von Carl Froch, gegen den Abraham am 27. November 2010 in Helsinki die bislang deftigste Niederlage seiner Karriere erlitten hatte. Froch, 37, ist Weltmeister der IBF und der WBA. Gelingt es Sauerland und Hearn zu kooperieren, steht Stieglitz mit ganz leeren Händen da. Titelvereinigungen haben Vorrang vor Titelverteidigungen. „Eddie und ich reden über alles“, stellte Sauerland klar, dass es sich bei Variante drei um mehr als eine bloße Idee handelt.

Einige Stunden nach dem Kampf gegen Smith formulierte Ulli Wegner ein paar Zukunftsgedanken. „Arthur überrascht mich auch immer wieder. Er hat sich perfekt an unsere Taktik gehalten. Er hat jede Runde dazu optimal dazu genutzt, sie zu gestalten. Und deswegen würde ich ihm natürlich eine Revanche gegen Froch wünschen“, so der 72-jährige Trainer. Wegner weiter: „Arthur hat seinen Stolz und er weiß, wie schlimm ihn und mich die Niederlage damals getroffen hat. Da ist noch eine dicke Rechnung offen.“

Und was sagt Abraham? „Wer mich kennt, weiß, dass es auf meiner Seele noch eine Narbe gibt. Eine durch Froch.“