Interview

„Huch, was macht der denn da?“

Jan Boklöv erfand einst in Falun den V-Stil, den nun alle springen. Der Revoluzzer erinnert sich

Jan Boklöv wurde kurz belächelt und dann sofort hart abgestraft. Zu ungewohnt sah es aus, wie der Schwede Mitte der 80er-Jahre die Ski zum V spreizte und von den Schanzen dieser Welt segelte. Der Jury gefiel die Innovation überhaupt nicht, sie reagierte mit hohen Abzügen in der Haltungsnote. Die Konkurrenz sprang zu dieser Zeit im Parallelstil. Trotz aller Widerstände setzte sich Boklöv später dank höherer Weiten durch. Er gewann 1988/89 sogar den Gesamt-Weltcup – der Durchbruch für den V-Stil. Mit dem Skisprungzirkus hat der 48 Jahre alte Familienvater abgeschlossen. Doch heute kehrt er zur WM der Skispringer nach Falun zurück. Dorthin, wo er 1985 zum ersten Mal im Flug die Skier kreuzte.

Berliner Morgenpost:

Herr Boklöv, Sie waren ganz schön kostspielig für die Skisprungwelt.

Jan Boklöv:

(lacht) Da haben Sie recht. Als nach und nach alle Springer auf den V-Stil umstellten, mussten die Verantwortlichen überall die Schanzen umbauen, weil die Flugkurven flacher und länger wurden. Mein Sprungstil war somit eine ziemlich teure Angelegenheit.

Wie sehen Sie Ihre Erfindung heute?

Ich bin stolz darauf, aber aus einem tieferen Grund: weil ich es durchgezogen habe, weil ich meinem Stil gegen alle Widerstände treu geblieben bin und an mich geglaubt habe. Auch wenn viele andere Menschen mir und dem V-Stil nicht vertraut haben. Dass ich den Gesamtweltcup gewonnen oder diesen Stil erfunden habe, bedeutet mir nicht annähernd so viel – auch wenn die Menschen noch heute zu mir kommen und sagen: Oh, Sie sind ja der Jan Boklöv. Und mich dann loben, weil sie mich als Symbol für den V-Stil sehen und sagen, ich hätte die Skisprungwelt verändert.

Aber das stimmt doch.

Ich würde es gern umdrehen: Nicht ich habe meinen Sport verändert, die Skisprungwelt hat sich nach meiner Vorgabe geändert. Als ich auf V-Stil umstellte, habe ich das nur für mich gemacht, weil es mich persönlich weiterbrachte. Die anderen sind mir irgendwann gefolgt. Ich bin aber nicht auf der Bildfläche erschienen, um der Welt zu erzählen: Schaut alle her, ich habe etwas Neues, das ist die Zukunft, ich bin der Held.

Es war eine Trainingseinheit in Falun, die 1985 alles veränderte.

Ich trainierte auf der Normalschanze, der Wind kam stark von vorn, stoppte mich quasi in der Luft. Ich wollte irgendetwas tun, um weiterzufliegen, und warf mich nach vorn. Dann rissen auf einmal die Skier zum V auseinander, ich bekam mehr Auftrieb, flog viel weiter als zuvor. Ich wusste nicht wieso und was genau da passiert war, aber es war die Geburtsstunde des V-Stils.

War es schwierig, etwas weiterzuentwickeln, das rein zufällig passiert ist?

Das war ein Problem. Ich konnte ja nicht jemandem anders meinen Stil beibringen, weil ich selbst nicht genau wusste, wie es funktionierte. Ich hatte meinen Sprung ja nicht bewusst verändert, es war einfach passiert. Und dann gelang es mir immer wieder und bescherte mir größere Weiten. Als ich endlich die Kontrolle über meinen Stil erlangt hatte, gab es immer noch niemanden, den ich mal um Rat fragen konnte. Es hatte kein anderer Erfahrung mit V-Flügen, ich konnte mir nichts abgucken, sondern nur immer wieder üben und ausprobieren.

Was ging alles schief bei der Entwicklung Ihres Stils?

Ich habe mir dreimal die Schulter gebrochen. Um zu lernen und etwas Neues zu testen, musst du eben schon mal über die Grenze hinausgehen. Zum Glück bin ich aber nicht allzu oft gestürzt. Und richtig interessant wurde es dann, als immer mehr Springer den V-Stil probierten.

Anerkennung wurde Ihnen lange verwehrt, Ihr Stil galt als unästhetisch, und Sie wurden mit Punktabzügen bestraft.

Neues stößt oft auf Kritik. Wenn du etwas machst, das niemand bisher probiert hat, sieht das erst mal seltsam aus. Huch, was macht der denn da?, sagten einige. Aber ich flog auf diese Weise weiter, also wollte ich nicht damit aufhören. Und eines Tages mussten sie es doch akzeptieren, hoffte ich. Aber ja, es war frustrierend, dass ich diese Punktabzüge kassierte. Irgendwann hatte ich meinen Stil dann perfektioniert und konnte die Abzüge mit der größeren Weite wettmachen. Da wurden die Menschen aufmerksam und sagten plötzlich: Schau mal, was der Schwede da macht!

Was sagten denn die anderen Athleten?

Die Trainer und Konkurrenten reagierten anders als die Jury. Für einen Sportler ist es schließlich nicht besonders schön, wenn er gewinnt, obwohl ein anderer ganz offensichtlich besser und weiter springt. Aber was konnten sie machen? Es lag an der Jury und deren Chef. Manchmal standen die Punkte schon vor meinem Sprung fest, weil der Jury gesagt wurde: Nicht mehr Punkte als soundsoviel für Jan Boklöv.

Der viermalige Olympiasieger Matti Nykänen setzte damals ein Zeichen.

Oh, ich erinnere mich noch sehr genau. Das ist ein Moment, der mir viel bedeutet, den ich nie vergessen werde. Es war 1988 in Lahti, Matti war damals der weltbeste Springer. Beim Wettkampf lag ich nach dem ersten Durchgang an eins, am Ende an zwei hinter Matti. Er kam zu mir und sagte: Heute bist du der wahre Sieger. Das war schon was! Erstmals hatte ein Sportler öffentlich akzeptiert, dass ich der Beste bin. Bei der Siegerehrung zog er mich dann vom zweiten Platz hinauf zu sich. Das war ein schönes Gefühl und wie ein Sieg.

War es auch eine Genugtuung, als alle Springer Ihren Stil adaptierten?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich war stolz auf mich selbst, aber nicht, weil die anderen sich umstellten. Später hat der V-Stil das Skispringen sogar um etwa 30 Prozent, so sagte man, sicherer gemacht. Er hat dem Sport geholfen – und das ist doch einiges wert.

Sie beendeten früh Ihre Karriere.

Es war das Beste, 1993 aufzuhören. Ich hatte mir 1990 beim Sturz das rechte Bein gebrochen, es wurde nie wieder richtig gut. Zuvor war ich vorn mitgesprungen, danach nicht mehr – das wollte und musste ich mir nicht antun. Als ich richtig gut war, lief es von allein, aber als die Beine nicht mehr mitmachten, setzte das Denken wieder ein.

Glücklich waren Sie als Springer in Schweden angeblich ohnehin nicht.

Wenn du allein bist und nur wenige Menschen an das glauben, was du tust, ist es nicht so einfach. In Schweden haben die meisten meinen Stil von Anfang an und auch später nicht akzeptiert. Ich war einfach nur das schwarze Schaf.

Wegen des Berufes Ihrer Frau leben Sie in Brüssel. Vermissen Sie Schweden?

Wenn du dort geboren bist, willst du zurück. Es ist Heimat. Ich kann allerdings jederzeit ins Flugzeug steigen und hinfliegen. Hier in Brüssel lebe ich viel zentraler, bin so nah dran an allem. Ich bin ein glücklicher Vater. Nur eines vermisse ich – meinen früheren Job.

Sie haben nach Ihrer Karriere viele Jahre als Kindergärtner gearbeitet.

Diese Arbeit hat mir viel Freude bereitet. Kinder haben noch nicht gelernt, zu lügen, sie sagen, was sie denken, sind authentisch, haben viel Fantasie. Aber mit der Sprachbarriere war es hier schwierig.