Interview

„Berlin bleibt für mich immer ein besonderer Ort“

Zinedine Zidane über Real Madrids Champions-League-Spiel gegen Schalke und das mögliche Finale im Olympiastadion

Zinedine Zidane trägt Maßanzug, sehr figurbetont. Er kann es sich leisten, auch mit 42 Jahren. Zinedine Zidane, Frankreichs Fußballidol, erscheint zum Interviewtermin wie ein Fotomodel. Ist er auch: Gerade hat er in einem Madrider Studio Aufnahmen für eine Modelinie für Männer gemacht. Der Name, aber vor allem das markante Gesicht des dreimaligen Weltfußballers ist weltweit so bekannt wie der Eiffelturm. Viele halten ihn für den besten Spieler der Fußballgeschichte. Derzeit trainiert er die zweite Mannschaft von Real Madrid.

Berliner Morgenpost:

Monsieur Zidane, Sie modeln. Ist es Ihnen zu langweilig, nur ein Fußballtrainer zu sein?

Zinedine Zidane:

Nein, auf keinen Fall. Fußball ist ein wichtiger Teil in meinem Leben und wird es immer bleiben. Aber es macht Spaß, auch mal über den Tellerrand zu blicken und andere Sachen auszuprobieren. Aber mein Platz ist auf dem Feld, bei meiner Mannschaft.

Anders als Cristiano Ronaldo, der seine eigene Unterhosenkollektion bewirbt, haben Sie immerhin die Hose anbehalten.

Ich habe nicht die Genehmigung von meiner Frau bekommen (lacht).

Apropos Ronaldo: In Deutschland wurde diskutiert, ob es gerecht war, dass er und nicht Manuel Neuer Weltfußballer geworden ist.

Ich verstehe, dass die Deutschen gern Manuel Neuer als Weltfußballer gesehen hätten. Ich hätte Neuer den Titel sehr gegönnt. Er hätte ihn wirklich verdient gehabt. Er ist ein fantastischer Spieler, der das Torwartspiel auf ein anderes Level gehoben hat mit seinem offensiven Spiel, ein Phänomen zwischen den Pfosten. Aber gleichzeitig ist da Ronaldo, ein Spieler wie von einem anderen Planeten, er ist wie ein Alien. Was er kann, ist einmalig. Insofern ist es einfach bitter für Neuer, dass er ausgerechnet jetzt gegen Ronaldo antreten musste.

Sie als Franzose hätten das Recht, wütend auf Neuer zu sein. Immerhin drängte er mit seinen Paraden im Viertelfinale gegen Frankreich Ihr Heimatland aus der WM.

Ja, die Parade kurz vor Schluss gegen Karim Benzema war außergewöhnlich (schmunzelt). Keine Ahnung, wie er den Ball gehalten hat. Aber er hat leider nur seinen Job gemacht. Er musste uns wehtun.

Sie trainieren seit Sommer 2014 Real Madrid Castilla, das Nachwuchsteam von Real. Wieso geht ein Weltstar wie Sie in Liga drei?

Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Ich mag früher ein guter Spieler gewesen sein. Aber als Trainer bin ich ein Anfänger. Ich will Schritt für Schritt besser werden. Ich möchte es richtig machen und nicht nur wegen meiner Vergangenheit einen Job bekommen, sondern wegen meines Könnens. Dafür muss ich lernen.

Es heißt, Sie würden warten, bis der derzeitige Trainer Carlo Ancelotti geht.

Unsinn. Ich bin sehr gern Trainer der Castilla. Ich lauere nicht darauf, dass ein anderer einen Platz für mich freimacht. Ancelotti ist ein fantastischer Trainer, von dem ich viel lerne. Ich hoffe, dass er noch lange Trainer von Real Madrid ist.

Ist er Ihr Vorbild als Trainer?

Schon als Spieler hatte ich Ancelotti als Trainer. Ich habe mir damals viel von ihm abgeschaut, aber auch von meinen anderen Trainern, sei es Marcelo Lippi, Vicente del Bosque oder Aimé Jacquet. Heute schaue ich auch gern zu Jose Mourinho oder Pep Guardiola. Ein Trainer zu sein, ist ein schwieriger Job, er besteht aus vielen kleinen Details. Jeden Tag kommen viele Probleme, viele Fragen auf dich zu. Sich in dieser Komplexität zurechtzufinden, ist kompliziert.

Beim Nachwuchsteam von Real Madrid trainieren Sie Ihren Sohn Enzo.

Das funktioniert prima. Ich behandle ihn wie jeden anderen Spieler. Ich hoffe, dass ich auch noch meine anderen drei Söhne irgendwann in meine Mannschaft bekomme. Sie spielen ja auch in der Jugend von Real.

Wie gucken Sie die Spiele Ihrer Söhne an? Sind Sie einer jener Väter, die reinbrüllen und den Schiedsrichter beschimpfen?

Ich bin da eher der ruhige Typ. Ich rufe nie etwas rein. Manchmal sprechen wir zu Hause über das Spiel, analysieren die eine oder andere Situation. Aber ich will keinen Druck aufbauen, Fußball soll auch nicht im Mittelpunkt unserer Familie stehen. Nein, ich bin ein ruhiger Vater, entspannt.

In der Champions League trifft Real Madrid im Achtelfinale am Mittwoch auf Schalke. Im vergangenen Jahr gewann Real 6:1.

Ich würde gern sagen, dass Schalke keine Chance und Real das Viertelfinale schon sicher hat. Aber in der K.-o.-Phase kann alles passieren. Du musst immer vorsichtig sein – gegen eine deutsche Mannschaft erst recht.

Alle Experten gehen von einem Finale zwischen Real und Bayern München aus.

Das wäre das logische Finale, stimmt, aber Logik hat im Fußball nichts zu suchen. Es gibt keine Logik mehr. Die Spitze ist so nah zusammengerückt, es gibt ab einem gewissen Level keine kleinen Teams mehr, schon gar nicht in der Champions League.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Bayern München?

Sie ist großartig. Der FC Bayern war ja schon immer gut, aber jetzt ist der Klub in der absoluten Weltspitze angekommen. Das liegt vor allem an Pep Guardiola, er hat dem Verein einen Extrakick gegeben. Er bringt seinen ganz eigenen Touch ein in das Spiel der Münchner, das macht den Unterschied.

Falls Real Madrid ins Champions-League-Finale einzieht, findet das im Berliner Olympiastadion statt. Mit welchen Gefühlen würden Sie anreisen?

Sie meinen wegen 2006?

Ja. Im WM-Finale sahen Sie nach einem Kopfstoß gegen den Italiener Marco Materazzi die Rote Karte, es war das letzte Spiel Ihrer Karriere. Frankreich verlor.

Ja, deshalb wird das Berliner Stadion immer ein besonderer Ort für mich sein. Mein ganzes Leben lang.

Ein trauriger Ort?

Nein. Wir standen mit unserer Mannschaft im WM-Finale, das ist immer ein großes Ereignis. Darum ist es kein trauriger Ort für mich. Aber es ist auch kein Ort des Ruhms. Es ist dort etwas geschehen, mit dem ich nicht gerechnet habe und worauf ich nicht stolz bin. Aber ich habe gelernt, dass im Leben nicht nur gute Dinge passieren. Und dieses Ereignis gehört auch zu mir – wenn auch nicht als Sternstunde. Aber es ist ein Teil meines Lebens.

Hat es Ihr Leben verändert?

Nein. Ich musste lernen, damit umzugehen. Und das ist mir gelungen.