Wintersport

Triumph mit Schönheitsfehler

Deutsche Rodler dominieren bei der WM in Sigulda, nur Felix Loch gewinnt im Einsitzer Silber

Ganz am Schluss ging Felix Loch in die Knie, ballte die Hände zu Fäusten und gab bei der Zieldurchfahrt seiner rasenden Kumpels in der Staffel einen gewaltigen Jubelschrei von sich. Nach dem knapp verpassten Titel im Einsitzer bekam der Olympiasieger bei der WM in Lettland doch noch seinen goldenen Moment – und das deutsche Team eine Medaillenausbeute, die sich sehen lassen kann: Dreimal Gold, einmal Silber, einmal Bronze sprangen in Sigulda heraus. „Es müssen nicht immer Titel sein“, resümierte Bundestrainer Norbert Loch, wegen einer verlorenen Wette ungewohnt schick mit Anzug und Krawatte.

Revanche 2016 am Königssee

Bevor sich Felix Loch, Natalie Geisenberger und Tobias Wendl/Tobias Arlt am Sonntag mit schwarz-rot-goldener Schminke auf den Wangen für ihren Staffelerfolg feiern lassen durften, hieß es im Einzel zittern. Loch bangte als Führender, seine Weltmeister-Kollegen fieberten Arm in Arm daneben vor dem Bildschirm – am Ende reichte es knapp nicht. Mit der Silbermedaille konnte Loch dennoch strahlen. „Ich bin rundum zufrieden“, erklärte der vom Russen Semen Pawlitschenko entthronte Champion. Dann unterbrach der Berchtesgadener die Interview-Runde, schnappte sich seine Freundin Lisa und gab ihr einen langen Kuss.

Im Gegensatz zu Geisenberger und den Doppelsitzern Wendl/Arlt wurde Loch seiner Favoritenrolle auf der schwierigen Bahn von Sigulda nicht gerecht und konnte den WM-Titel von 2013 nicht verteidigen. Ganz ohne Gold kehrte er aber nicht zurück nach Deutschland: Zum Abschluss fuhr er mit der Staffel vor Russland und Kanada zum Mannschaftstitel.

„Es hat einfach nicht ganz gepasst“, sagte Loch, als er an seinen fünften Einzel-Titel knapp vorbeifuhr. Er wäre der erste Rodler überhaupt gewesen, der dreimal in Serie Gold bei den Männern holt. Als Nobody Pawlitschenko für Augenblicke im Eiskanal langsamer war, keimte nur kurz Hoffnung auf. Am Ende konnte dann aber doch Albert Demtschenko – Olympia-Zweiter von Sotschi und inzwischen Trainer bei den Russen – wie ein Derwisch laut brüllend durch den Zielbereich stürmen.

„Semen war heute einfach besser, er ist gewaltig gefahren“, räumte Loch ein. Die Russen haben auf der Bahn in Lettland einen kleinen Trainingsvorteil, wusste auch der Berchtesgadener, der Wolfgang Kindl aus Österreich auf Platz drei verwies. In zwölf Monaten steht die Revanche an, nämlich bei der Heim-WM. „Nächstes Jahr am Königssee sind dann wir am Zug“, kündigte Loch an. Sein Vater Norbert spendete Trost: „Ich bin unterm Strich sehr zufrieden mit ihm.“ Der Coach hatte sich für den finalen Lauf in Anzug, Hemd und Krawatte gezwungen. „Natalie und die Mädels haben gesagt: ‚Warum ziehst du dich nicht mal an wie all die Fußball-Trainer?‘“

Einen Tag zuvor war er verblüfft gewesen, als Geisenberger die Konkurrenz deklassierte. „Wie man so cool sein und so abgebrüht fahren kann – da kann ich nur den Hut ziehen“, betonte Loch. Die Olympiasiegerin setzte sich vor Tatjana Iwanowa und Teamkollegin Tatjana Hüfner durch und verteidigte ihren Titel von 2013. „Es ist schön, dass ich zeigen konnte, dass das damals keine Eintagesfliege war“, sagte sie. Im ewigen WM-Ranking kletterte die 27-Jährige mit nun zwei Goldmedaillen, vier Silbermedaillen und einer Bronzeplakette auf den fünften Platz – Spitzenreiterin bleibt Hüfner (4-1-1).

Sieg trotz Nackenblessur

Auch die Doppelsitzer Wendl/Arlt waren ihrer Favoritenrolle gerecht geworden. Sie ließen Peter Penz/Georg Fischler aus Österreich sowie die Südtiroler Christian Oberstolz/Patrick Gruber hinter sich. „Es ist einfach sensationell“, sagte Arlt. „Wir haben uns im Weltcup immer weiter gesteigert, und das ist die Belohnung“, meinte Wendl, der seit Tagen von einer schmerzhaften Nackenblessur geplagt wurde und auch im Ziel von Sigulda den Kopf kaum drehen konnte.

Bei der Siegerehrung erlebten Wendl/Arlt ein Kuriosum, denn statt der deutschen Hymne klang kurzzeitig die der DDR aus den Lautsprechern im Ortszentrum Siguldas. „Da ging erst mal ein Raunen durch die Menge, es war etwas komisch, wir waren auch ein bisschen perplex“, sagte Arlt, „aber die Leute haben sich entschuldigt, das passt schon alles.“