Skispringen

Flug in neue Dimensionen

Norweger Fannemel verbessert erneut den Weltrekord. Jetzt sind sogar 300 Meter möglich

Severin Freund hat beim Skiflug-Weltcup in Vikersund (Norwegen) seinen fünften Saisonsieg gefeiert. Der 26-Jährige segelte im letzten Wettkampf vor der am Mittwoch beginnenden WM auf 237,5 und 245,0 Meter und gewann mit 436,7 Punkten überlegen vor dem neuen Weltrekord-Halter Anders Fannemel aus Norwegen (394,0). Dritter wurde in Johann Andre Forfang (374,6) ein weiterer Lokalmatador.

„245 Meter, deutscher Rekord – das kann sich sehen lassen. Ich bin richtig ins Fliegen gekommen, das war sehr geil“, sagte Freund nach seiner schon zehnten Podestplatzierung des Winters. In bester WM-Form präsentierten sich auch Michael Neumayer (Oberstdorf) und Markus Eisenbichler (Siegsdorf) auf den Rängen sechs und acht.

Fannemel hatte auf dem „Monsterbakken“ im ersten Durchgang mit sensationellen 251,5 Metern die erst einen Tag alte Bestmarke des Slowenen Peter Prevc noch einmal um 1,5 Meter verbessert. „Das war ein fantastischer Sprung, das Limit ist erreicht“, sagte Bundestrainer Werner Schuster. In der Tat: Der Russe Dimitri Wassiliew segelte zwar auf 254 Meter, konnte den Flug aber nicht stehen.

In die Rekordbücher schaffte es auf der größten Schanze der Welt auch Freund. Der Skiflug-Weltmeister schraubte mit seinen 245 Metern im zweiten Durchgang den eigenen Landesrekord noch einmal um stolze 7,5 Meter nach oben. „Severin war heute voll motiviert und hat wieder super Noten erhalten. Auch die 20 war dabei, großartig“, sagte Schuster.

Einen optimalen Sprung hatte auch der Slowene Prevc am Tag zuvor in Vikersund bei seinem Flug auf 250 Meter erlebt. Kurios, dass sein Weltrekord nur einen Tag Bestand hatte. Die Athleten jedenfalls sind bereit für neue Weiten. Kaum zu glauben, dass der Internationale Skiverband Fis vor gut 25 Jahren einmal der Rekordjagd Einhalt bieten wollte und den Weltrekord bei 191 Metern „einfror“. Jeder Sprung, der diese Weite übertraf, wurde mit 191 Metern gewertet. Längst scheint sogar eine weitere Steigerung möglich.

„Wenn Schanzen gebaut werden sollten, die 300 Meter zulassen, werden die Athleten sicher nicht Nein sagen“, sagt Skisprung-Ikone Andreas Goldberger. Spätestens dann sei das Limit jedoch erreicht. „Wenn ein Springer 12, 13 Sekunden in der Luft ist, wird er die Körperspannung nicht mehr halten können.“ Zumindest aus medizinischer Sicht wäre das wohl kein Problem. Die Fluggeschwindigkeit erhöht sich gegenüber dem „normalen“ Skispringen kaum, die Landung ist bei entsprechendem Hang nicht gefährlicher als sonst. Mehr Sorgen macht da die Psyche der Springer. Als 1998 der deutsche Teamarzt einmal den Adrenalinspiegel von Martin Schmitt und Sven Hannawald maß, übertraf das Ergebnis die Obergrenze um das Vierfache. Solche Werte weisen sonst Menschen in Todesangst auf.

Die Fis sieht die anhaltende Weitenjagd denn auch durchaus kritisch, weiß jedoch um ihren Reiz. „300 Meter und mehr sind theoretisch möglich, wenn man auf die Schanzenprofile, das Material und die Flugkurve schaut“, sagte Fis-Renndirektor Walter Hofer einmal: „Aber wir wollen keine Rekordjagd um jeden Preis. Und schließlich soll der Zuschauer nicht nur irgendwo einen schwarzen Punkt fliegen sehen.“