Fußball

Nicht nur die Liebe zählt

Marco Reus verlängert in turbulenten Zeiten Vertrag bis 2019 – BVB verdoppelt sein Gehalt

Der Titel seines Vortrages war bewusst als Frage formuliert. „Der BVB und das schnelllebige Fußballgeschäft – ist Erfolg planbar?“, lautete die Arbeitsthese, über die Hans-Joachim Watzke am Dienstagnachmittag auf der Düsseldorfer Sponsorenmesse SpoBis referierte. Es war ein guter Tag für den Vorsitzenden der Geschäftsführung von Borussia Dortmund. Konnte er doch mit einem überzeugenden Beleg dafür aufwarten, dass selbst kurzfristiger sportlicher Misserfolg wie der zermürbende Abstiegskampf, den der BVB derzeit bestreiten muss, nicht zwangsläufig Auswirkungen auf langfristige Planungen haben muss: Marco Reus verlängerte, zu diesem Zeitpunkt überraschend, vorzeitig seinen Vertrag. Der Nationalspieler, einer der meistumworbenen Profis Europas, unterzeichnete einen neuen Kontrakt ohne Ausstiegsklausel bis Juni 2019. Das ist ein Paukenschlag, der die Konkurrenz aufhorchen lässt. Speziell in der aktuell prekären Lage des BVB war damit kaum gerechnet worden.

10 Millionen Euro pro Jahr

„Wir haben uns nie von all den Wechselgerüchten leiten lassen und immer eine gute Chance gesehen, dass dieser außergewöhnliche Spieler sich ganz bewusst für eine Zukunft beim BVB entscheidet“, sagte Watzke, der gemeinsam mit Sportdirektor Michael Zorc die Verhandlungen mit Reus und seinem Berater Dirk Hebel zum Abschluss bringen konnte. „Marco kann in Dortmund eine Ära prägen, so wie es vor ihm Uwe Seeler in Hamburg oder Steven Gerrard in Liverpool getan hat. Dass sich Marco inmitten einer sportlichen Krise für den BVB entschieden hat, macht uns sehr stolz“, erklärte Watzke nach der Paraphierung des neuen Vertrages in der Geschäftsstelle. Der neue Kontrakt gilt auch für die Zweite Liga. „Davon können sie natürlich ausgehen. Aber wir sollten jetzt nicht zu schwarzsehen und werden den Abstiegskampf meistern“, antwortete Watzke auf entsprechende Nachfragen des TV-Senders Sky.

Das Vertragswerk ist das höchstdotierte, das der BVB je aushandelte. Die Rede ist von einem Jahresgehalt von knapp zehn Millionen Euro für Reus, das käme einer Verdoppelung seiner Bezüge gleich. Reus wäre damit mit Abstand Spitzenverdiener beim BVB. Bislang lagen in Dortmund die Topspieler wie Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Shinji Kagawa und eben Reus auf einem ähnlichem Gehaltsniveau. Gehaltshygiene war ein wichtiges Kriterium – und bleibt es. „Wir haben auch für diesen Schritt unser Gehaltsgefüge nicht überreizt. Dass Marco als einer der wichtigsten Spieler des BVB anständig entlohnt wird, ist doch klar. Aber woanders hätte er womöglich das Doppelte verdienen können“, sagte Watzke der „Welt“.

Die Aufwendungen, zu denen sich der BVB verpflichtet hat, sind in der Tat marktgerecht. „Er hätte zu fast jedem Topklub auf der Welt wechseln können“, erklärte Zorc. Die Granden aus dem Geldadel des europäischen Fußballs hatten einen Blick auf Reus geworfen und wohl auch Kontakt aufgenommen: Real Madrid, Manchester United und Arsenal London. Speziell Arsenals Trainer Arsene Wenger, seit Jahren ein Bewunderer Reus’, hatte hartnäckig versucht, den Spieler dazu zu bewegen, von seiner im bisherigen Vertrag verankerten Ausstiegsklausel Gebrauch zu machen: Reus hätte nach Ablauf der Saison für eine festgeschriebene Ablösesumme von 25 Millionen Euro wechseln können. Gut vorstellbar, dass die ihm die Differenz zu seinem tatsächlichen Marktwert – der wurde vom Internetportal „transfermarkt.de“ zuletzt mit 50 Millionen Euro taxiert – dann in Form eines branchenüblichen Handgeld ausgezahlt worden wäre.

Angesichts solcher Szenarien galt es lange als unwahrscheinlich, dass es den Dortmundern tatsächlich gelingt, Reus zum dauerhaften Verbleib zu bewegen. Weniger, weil es an wirtschaftlichen Mitteln fehlt. Der BVB, einziges börsennotiertes Unternehmen der Fußball-Bundesliga, ist kerngesund und nahezu schuldenfrei: Im Sommer 2014, kurz bevor die Talfahrt in der Liga einsetzte, konnte die Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) eine Kapitalerhöhung am Markt platzieren und einen Bruttoemissionserlös von rund 114,4 Millionen Euro erzielen. Strategische Investoren aus der Industrie konnten an den BVB gebunden werden. Dies und die langfristigen Vereinbarungen, die mit vier wichtigen Sponsoren erzielt wurden, sind das Fundament, das letztendlich auch die Verlängerung mit Reus ermöglichte. Unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten war der Deal mit Reus ein fast schon logischer Schritt.

Hilfe nach Führerscheinaffäre

Die Entscheidung von Reus hat jedoch auch psychologische Auswirkungen. „Eines ist doch klar“, sagte Watzke: „Wenn die allergrößten Klubs hier anrufen und ihn haben wollen, dann können wir dieses Rennen nach ökonomischen Maßstäben nicht gewinnen. Marco weiß, dass wir im kommenden Jahr nicht in der Champions League spielen werden. Aber er hat eine große Identifikation mit dem Verein und seiner Heimat.“ Ein Faktor bei der Entscheidungsfindung dürfte auch die Solidarität gespielt haben , die die Dortmunder Reus kürzlich während seiner peinlichen Führerschein-Affäre bewiesen haben, vielleicht auch die besonnene Art der Vereinsführung im Umgang mit der größten sportlichen Krise der jüngeren Vergangenheit samt dem Festhalten an Trainer Jürgen Klopp, der eine wichtige Bezugsperson für Reus ist. „In der jetzigen sportlichen Situation, den Vertrag bis 2019 zu verlängern, ist schon ein bemerkenswertes Statement, vor dem ich den Hut ziehe“, sagte Watzke, der sich nach den Abgängen von Mario Götze und Robert Lendowski zu Bayern nun auch nicht eine gewisse Ambitionslosigkeit vorwerfen lassen muss.