Hertha BSC

Kantig und schnörkellos

Herthas neuer Trainer Pal Dardai kämpft in Mainz für seinen persönlichen Aufstieg und gegen den Abstieg seines Vereins

Die Leute bewegen, das hat Pal Dardai immer drauf gehabt. Damals, als er noch dieser brachiale, vollmundige Spieler war – solch einer, der bei Fans überall gut ankommt. Damals, als es noch nicht düster bei Hertha war, da kam dem Ungarn eine Idee: Dardai versprach den Berlinern im März 2009, als Hertha um die Meisterschaft spielte, Freibier, wenn sie in den letzten Heimpartien der Saison zahlreich erschienen. 55.000 Liter, wenn jedes Mal mindestens 55.000 Zuschauer im Olympiastadion kämen. Man kam. Hertha wurde nicht Meister, sondern nur Vierter. Aber immerhin Freibier gab’s.

Jetzt ist Pal Dardai kein Spieler mehr. Er ist nun „bis auf Weiteres“ Trainer von Hertha BSC als Nachfolger des am Donnerstag entlassenen Jos Luhukay. Das hat auch damit zu tun, dass man ihm im Verein erst einmal zutraut, Menschen bewegen zu können. Denn es war zuletzt so, dass zwar die teuren Beine vorhanden waren, aber bewegen ließ sich nichts mehr. Das im Sommer mit acht bisweilen namhaften Zugängen gepäppelte Team ist in akuter Abstiegsgefahr – eine tief verunsicherte Mannschaft, blockiert durch die vorgelebte Strenge ihres alten Trainers.

Wenn es stimmt, was man über den vormaligen Nachwuchstrainer Pal Dardai hört, dann ist nicht davon auszugehen, dass er im Profibereich seine Spieler dauerhaft sanft anpacken wird. Aber die Blockade zu lösen, Bewegung in die zuletzt gelähmte Mannschaft zu bringen, das hat er sich vorgenommen.

Nur zwei Tage Zeit hatte Dardai nach der Demission Luhukays, um Hertha für das wichtige Auswärtsspiel an diesem Sonnabend gegen Mainz 05 einzustellen (15.30 Uhr, im Liveticker bei immerhertha.de). Es waren zwei Tage, in denen der 38-Jährige gar nicht vornehmlich als Fußballlehrer sondern als Brustlöser gefragt war. Im Training ließ er seine Spieler sich im Kreis an die Hände nehmen und im Laufen den Ball hochhalten. Er verordnete kollektiven Jubel bei schönen Treffern. Die Mannschaft sollte sich wieder als Mannschaft spüren, alles Negative abstreifen und zum Spaß zurückfinden. „Um gute Laune und Körpersprache“, ginge es, sagte Dardai. Er habe so viele schöne Tore im Training von seinen Profis gesehen, dass er gar nicht wüsste, was vorher falsch gelaufen sei. „Das kann eine Kopfsache sein. Jetzt ist weniger Druck da. Jetzt bin ich da“, sagte Dardai. Von der vorhandenen Qualität bei seinen Spielern sei er ohnehin überzeugt. Und Dardai tritt so auf, als gelte das auch für seine eigene als Trainer.

Bei Dardais offizieller Vorstellung waren viele markige Sätze dabei, aber mit zweien beschrieb er sich selbst: „Ich habe immer ein Ziel und meistens erreiche ich es. Vielleicht bin ich deshalb auch ein unangenehmer Mensch“, sagte er. Was ihm Hoffnung auf Besserung mache, wurde Dardai später gefragt: „Ich mag das Wort Hoffnung nicht. Ich bin überzeugt, dass alles gut wird. Blabla Hoffnung. Das bin ich nicht.“

Pal Dardai tritt als Trainer in die Bundesliga, wie er sie als Spieler verlassen hat – kantig und schnörkellos. In jener heiklen Situation für den Verein bildet er in gewisser Weise auch den Gegenentwurf zu Luhukay – einen anderen Trainertypus, und Herthas Manager Michael Preetz hofft, dass das funktioniert. Dardai und Preetz haben einst zusammengespielt. Damals, in den weniger düsteren Tagen des Klubs. Preetz konnte vorn als Rekordtorschütze glänzen, während Dardai, mit fast 300 Partien der Rekordspieler des Vereins, hinter ihm im Mittelfeld aufräumte. Jenes Rekordspieler-Siegel heften sie Dardai jetzt gern wieder an. Weil es die Leute bewegt. Stallgeruch hilft in unübersichtlichen Situationen, und zum Aufräumen jener ist Dardai jetzt da.

Skjelbred kehrt zurück

Mit der Partie gegen Mainz beginnt aber auch sein Kampf um eine Zukunft als Bundesligatrainer in seinem Verein. Preetz’ Worte „bis auf Weiteres“ bedeuten ja nichts anderes als: Wir schauen, ob er das hinkriegt. Sonst müssen wir noch einmal reagieren. Neben Dardai sitzen wird mit Co-Trainer Rainer Widmayer ein erfahrener Mann, der ihn unter Markus Babbel in den letzten Monaten seiner Profikarriere einst selbst trainierte. Dardai muss demnächst erst noch seine begonnene Trainer-Ausbildung abschließen. Widmayer gilt als Fachmann und beliebt bei Profis. Ihn zurückzuholen, könnte sich als kluger Zug erweisen.

Am Mainzer Bruchweg beginnt Dardais Kampf um seinen persönlichen Aufstieg und gegen den Abstieg des Vereins, in dem er seit fast 20 Jahren arbeitet. Ein Brustlöser wäre der Sieg auswärts gegen einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt. Bisher gelang auf fremden Plätzen nur ein einziger in dieser Saison. Wenn es stimmt, dass sich im Charakter einer Mannschaft auf dem Feld immer auch ein wenig der Charakter ihres Trainers widerspiegelt, dann ist zu erwarten, dass Hertha mit mehr Mut und Zuversicht als zuletzt ins Spiel gehen wird. Dardai hat angedeutet, dass er in Mainz vornehmlich auf die erfahrenen Spieler setzen werde: „Spieler, die oft dabei waren. Das muss man jetzt stärken“, sagte er. Einer davon könnte Per Skjelbred sein. Der Norweger reiste nach überstandener Scharlach-Erkrankung mit nach Mainz.