Training

Hertha geht volles Risiko

Die Konkurrenz investiert Millionen im Abstiegskampf. Die Berliner setzen auf Vertrauen

Borussia Dortmund hat für zwölf Millionen Euro mal eben Kevin Kampl von RB Salzburg verpflichtet. Der 1. FC Köln will Carlos Eduardo (zuletzt bei Flamengo Rio de Janeiro) ausleihen. Werder Bremen hat drei Spieler verpflichtet: Von der Ersatzbank in Hoffenheim kam Jannik Vestergaard, zudem die Torwarte Koen Casteels und Michael Zetterer (Unterhaching). Der Liga-Letzte, der SC Freiburg, hat Stürmer Nils Petersen aus Bremen geholt. Der HSV sucht händeringend einen Sechser. Wunschkandidat ist Zdravko Kuzmanovic von Inter Mailand. Auch ein Stürmer soll noch her. Der FSV Mainz hat Nicolas Castillo vom FC Brügge ausgeliehen.

Alle genannten Bundesliga-Vereine stehen in dem Pulk von Platz zehn hinunter bis Rang 18. Alle kämpfen um den Klassenerhalt. Und bei Hertha BSC, als Tabellen-13. mittendrin im Überlebenskampf? Da verschränkt Trainer Jos Luhukay die Arme vor der Brust und sagt: „Wir sind überzeugt von unserer Mannschaft. Wir haben keine Zweifel. Das habe ich der Mannschaft gesagt am Tag nach dem Hoffenheim-Spiel (0:5 am 21. Dezember 2014, Anm. d. Red.) und noch mal zum Trainingsstart im Januar.“

Es ist ein interessantes Experiment, das Hertha da unternimmt. In der Milliarden-Branche Profifußball ist Heuern und Feuern eigentlich an der Tagesordnung. So wie es die Konkurrenz aktuell macht. Zwar wissen alle, dass der Spielermarkt im Winter eher dünn ist. Aber im Nachhinein will sich niemand sagen lassen, er habe die Wintertransferzeit ungenutzt verstreichen lassen.

Hertha geht einen anderen Weg. Und den grundsätzlich, nicht nur bezogen auf den Kader. Die Verantwortlichen setzen auf Vertrauen. Da mögen andere Vereine die Trainer tauschen: Zinnbauer für Slomka in Hamburg, Skribnik für Dutt in Bremen, Stevens für Veh (der zurückgetreten ist) in Stuttgart. In Berlin war Jos Luhukay in der nicht überzeugenden Hinrunde verantwortlich. Der Niederländer genießt auch zur Rückserie das Vertrauen von Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer. Hertha ist zuletzt zweimal abgestiegen: 2009/10 gab es zwei Trainer (Favre, Funkel), 2011/12 gar vier (Babbel, Widmayer, Skibbe, Rehhagel) – Trainer-Wechsel waren also keine Garantie für eine Rettung.

Die Beteiligten haben sich die erste Saisonhälfte angeschaut und sind zur Überzeugung gekommen: Es gibt Ursachen für die vielen nicht überzeugenden Spiele. Die lassen sich, so geht die Diagnose weiter, in der Rückrunde abstellen. Das ist mutig. Und riskant. In der Abwehr mutet es realistisch an, mit den Rückkehrern Fabian Lustenberger, Sebastian Langkamp sowie John Brooks und John Heitinga gut aufgestellt zu sein. Es steht zu hoffen, dass Hertha in dieser Konstellation weniger anfällig ist als in der Hinrunde.

Die Fallhöhe ist gewaltig

In der Offensive vertraut der Trainer auf Jens Hegeler und Ronny. Geht das schief, wird die personelle Treue Luhukay als Sturheit ausgelegt werden. Weil nicht nur die Qualitäten des Duos bekannt sind, sondern auch deren Defizite in Puncto Dynamik und Zweikampfverhalten.

Gespannt sein darf man auf die Performance des Trainers. Luhukay hat mehrfach bewiesen, dass er Mannschaften besser machen kann, als die Summe der Einzelteile nahelegt. Davon war in der Hinrunde nichts zu sehen. Im Gegenteil: Hertha hat nicht mal die Qualität der einzelnen Spieler auf den Platz gebracht. Es steht also die Herausforderung an, etwa Salomon Kalou und Valentin Stocker besser einzubinden. Hertha startet mit einer englischen Woche, beginnend am Sonntag in Bremen (15.30 Uhr). Luhukay hat in Berlin noch keine Phase mit heftiger Kritik erlebt. Gut möglich, dass von Trainer und Team in der Rückrunde erhebliche Nervenstärke gefragt ist.

Das Prinzip Vertrauen ist ehrenwert. Aber die Fallhöhe ist gewaltig. Präsident Gegenbauer hat den Mitgliedern bereits angekündigt: Im Fall eines erneuten Abstiegs ist für ihn Schluss. Auch Manager Preetz würde einen dritten Abstieg nicht im Amt überstehen. Für den Trainer sind die Voraussetzungen andere, aber die Konsequenz wäre die gleiche. Zudem würde bei einem erneuten Abstieg die aktuell positive finanzielle Entwicklung von Hertha abrupt gestoppt werden.

Doch das Szenario des größten anzunehmenden Unfalls leitet die Macher nicht. „Wir vertrauen dem Kader“, sagt Manager Preetz. Also holt Hertha definitiv niemanden mehr? Luhhkay schüttelt den Kopf: „Stand heute planen wir das nicht. Aber das Transferfenster ist noch vier Tage offen.“ Heißt: Sollte ein Offensivspieler eines großen Klubs auf Leihbasis zu bekommen sein, würde Hertha zugreifen.