Radsport

Ringen hinterm Zielstrich

Lampater/Kalz siegen, doch über die Zukunft des Sechstagerennens muss verhandelt werden

Das 104. Berliner Sechstagerennen ist Geschichte, und die Sieger hießen vor mehr als 10.000 Zuschauern Leif Lampater und Marcel Kalz. Der 27-jährige Berliner Kalz und sein fünf Jahre älterer Partner dominierten in der letzten Nacht nach Belieben und verwiesen den Belgier Kenny de Ketele und den Spanier David Muntaner mit einer Runde Rückstand auf Rang zwei. Die drittplatzierten Dänen Alex Rasmussen und Marc Hester hatten auf dem letzten Podestplatz bereits zwei Runden Rückstand.

Marcel Kalz, gerade erst als Sieger in Bremen gefeiert, freute sich besonders über den Triumph in seiner Heimatstadt: „Es war ein Rennen, bei dem von Anfang an alles so lief, wie wir es erhofft haben.“

Wieder 70.000 Zuschauer

Die wichtigste Nachricht im Zusammenhang mit dem Sechstagerennen lautet: Rund 70.000 Zuschauer hatten Spaß. Die Zäsur im Fahrerfeld nach den Rücktritten der lange Zeit dominierenden Branchengrößen, zuletzt Lokalmatador Robert Bartko und der Schweizer Franco Marvulli, tat der Qualität auf der 250-Meter-Bahn keinen Abbruch. „Natürlich haben wir dieses Jahr dem Rennen mit etwas Anspannung entgegengeblickt. Aber es lief ziemlich perfekt. Der Generationswechsel wird klappen“, zeigte sich der Sportliche Leiter Dieter Stein, 57 , erleichtert.

Nichts ist im Sport so alt wie der letzte Erfolg. Und so gingen die Gedanken einiger Spitzenfahrer bereits in Richtung Bahnrad-WM in Paris (ab 18.2.) beziehungsweise zum finalen Saisonrennen in Kopenhagen, wo ab Donnerstag gefahren wird. Der Berliner Marcel Kalz und Leif Lampater aus Waiblingen, in Berlin vom ersten Tag an der Spitze dabei, freuen sich nach dem Auftritt in Dänemark auf ein paar Tage Urlaub. „Ich habe dann drei Sechstagerennen innerhalb eines Monats in den Beinen, da ist es gut ein wenig abzuschalten, bis für mich die Straßensaison beginnt“, sagte Kalz. Für den ebenfalls in Berlin geborenen Maximilian Levy, beim Sechstagerennen im Velodrom der stärkste Sprinter im Feld der sechs Starter, gibt es nur eine kurze Verschnaufpause. „Ich werde ein paar Tage zu Hause mit der Familie verbringen, dann beginnt bereits der WM-Vorbereitungslehrgang in Frankfurt/Oder und am 11. Februar geht es nach Paris“, skizzierte der 27-Jährige die nahe Zukunft.

Neben der sportlichen ist die wirtschaftliche Perspektive des Berliner Traditionsrennens die zweite wichtige Komponente. Um die finanziellen Schwierigkeiten besser einzuordnen, hilft manchmal der Blick zurück. Am Finalabend der 102. Auflage (2013), es war die letzte unter seiner Federführung, gestand Heinz Seesing, dass er sich „ein bisschen getrieben“ fühle, wenn es um das Rennen und die Politik gehe. Und der heute 76-Jährige fand klare Worte: Innensenator Frank Henkel (CDU) habe am Eröffnungsabend gesagt, dass das Rennen einen festen Platz im Berliner Sportkalender habe. „Wir können uns nicht darauf verlassen, in alle Ewigkeit finanziell das Rennen allein stemmen zu können“, sagte Seesing: „Es geht und ging uns nicht um Senatszuschüsse. Aber es geht uns um ein Entgegenkommen bei den Kosten, wie beispielsweise der Hallenmiete. Mal drastisch: Ohne Sechstagerennen ist das Velodrom tot. Und die Politik trägt durchaus Verantwortung für so einen mit Steuermitteln finanzierten Bau.“ Ein Hilferuf!

Dem Gesagten stimmte der damalige Velodrom-Chef Sally Rotholz zu: „Das Sechstagerennen ist allen Problemen zum Trotz das Highlight des Jahres. Keine andere Veranstaltung lastet das Haus so gut aus.“ In Zahlen bedeutete das etwa eine halbe Million Euro auf der Velomax-Einnahmeseite. Ein Jahr zuvor hatte Seesing, maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Rennen 1997 nach sieben Jahren Zwangspause im Velodrom neu belebt werden konnte, bereits Alarm geschlagen. „Es wird am Ende des 101. Rennens in Berlin eine schonungslose Bestandsaufnahme geben. Würden wir versuchen, die Dinge schönzureden, wäre es der Anfang vom Abstieg.“ Unstrittig war zu dieser Zeit bereits, dass weitere Gesellschafter in die GmbH einsteigen könnten.

Preistopf von einer Million Euro

Die Dinge nicht schönzureden war offenbar, neben legitimen finanziellen Interessen eines Geschäftsmannes, der Grund für Reiner Schnorfeil, 57, lange Jahre Partner von Seesing und dessen Nachfolger in der Chefrolle, vor dem Spektakel deutlich zu machen, dass das Rennen ohne veränderte Rahmenbedingungen „an die Wand“ fahren würde. Schnorfeil zur Morgenpost: „Es gibt demnächst einen Termin mit dem Senat. Das ist fix. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen rede ich mit einigen anderen Interessenten, darunter einem aus England, wo in Manchester im Oktober ein Sechstagerennen ausgetragen wird, über Kooperationsmöglichkeiten. Danach wird es Entscheidungen geben. Wer mehr zu wissen glaubt, der liest im Kaffeesatz.“

Schnorfeil sieht die Sechstagerennen der Zukunft ein Stück weit weg von der traditionellen Einzelveranstaltung: „Ziel ist es, den Rad-Weltverband mit einzubinden. Inklusive gesicherter TV-Übertragungen, inklusive der Verpflichtung für die großen Profirennställe auch Bahnfahrer abzustellen.“ Dazu ein Preisgeldtopf, der nicht unter einer Million Euro liegen sollte. „Klar, das ist Wunschkonzert. Aber der Wintersport hat gezeigt, wie es funktionieren kann.“