Handball

„Lichtlein zeigt hier, dass er ein Großer ist“

Heiner Brand über deutsche WM-Träume und seine besondere Freude am Torwart

Wie große Turniere zu gewinnen sind, weiß Heiner Brand, 62, nur zu gut. Mit Deutschland siegte er bei der Weltmeisterschaft 2007 und der Europameisterschaft 2004. Und geht es nach dem ehemaligen Bundestrainer, kann die Auswahl des Deutschen Handballbundes auch bei den globalen Titelkämpfen in Katar den großen Wurf landen.

Berliner Morgenpost:

Herr Brand, nach dem Achtelfinalerfolg gegen Ägypten sagten Sie, Sie seien stolz auf die deutsche Nationalmannschaft. Haben Sie die Auftritte so nicht erwartet?

Heiner Brand:

Ich bin stolz und auch ein wenig überrascht. Ich bin ja nicht mehr unmittelbar Beteiligter. Also eher Fan, und als Fan sage ich: Diese Mannschaft spielt bei der WM bislang sensationell. Da passt alles zusammen, kein Spieler ist außer Form, einige zeigen sogar überragende Leistungen.

Wer?

Martin Strobel zum Beispiel war immer ein guter Handballer, aber hier explodiert er in wichtigen Situationen förmlich. Er war ja früher einer unserer großen Hoffnungsträger. Hier zeigt er endlich, warum. Mit 28 Jahren. Oder Steffen Weinhold, der sich in jedem Spiel richtig schwierige Würfe nimmt, aber ganz oft trifft. Immer wenn nichts mehr geht, ist er da. Das trifft auch auf Torhüter Carsten Lichtlein zu, der mit einem überragenden Selbstvertrauen aufläuft.

So stark wie in Katar hielt er noch nie.

Ich habe ihm nach dem Spiel gegen Ägypten gesagt, er solle mal den Magneten, der die Bälle anzieht, aus dem Trikot nehmen. Der konnte ja machen, was er wollte, und war immer an der richtigen Stelle. 56 Prozent der Würfe abgewehrt, ein Wahnsinnswert. Carsten will unbedingt noch mal zu Olympia, und ich gönne es ihm, denn ich musste ihn zweimal als dritten Torhüter vor Olympia aus dem Kader nehmen, weil ich nur zwei Torhüter nominieren konnte. Das waren die schwierigsten Entscheidungen in meiner Zeit als Bundestrainer. Carsten hat das aber professionell aufgenommen, war nie link und zeigt hier, dass er ein ganz Großer ist. Denn man muss auch zugeben, dass fast alle deutschen Spieler über ihrem normalen Level spielen. Und das gab es bei großen Turnieren schon lange nicht mehr.

Offenbar ist das ein Hauptverdienst des neuen Bundestrainers Dagur Sigurdsson. Wie hat er es seit Amtsantritt im August geschafft, die verunsicherte Mannschaft binnen fünf Monaten wieder aufzubauen?

Er hat ja nicht mal fünf Monate gehabt, sondern nur drei Lehrgänge mit dem Nationalteam, den Rest der Zeit war er Bundesligatrainer der Füchse Berlin. Insofern ist das Auftreten bei der WM gar nicht hoch genug zu bewerten. Aber eines muss man auch beachten: Wir waren ja gar nicht so weit weg von der Weltspitze.

Na ja, immerhin fehlte Deutschland bei der EM vor einem Jahr ebenso wie bei den Olympischen Spielen 2012. Und hätte es nicht die umstrittene Wildcard gegeben, wäre Deutschland auch in Katar nur Zuschauer gewesen.

Das stimmt, aber trotzdem haben wir immer den Anschluss zu den besten Nationen gehalten. In beiden Qualifikationsspielen gegen Polen waren wir besser, wir haben nur in der entscheidenden Phase versagt. So gab es nun auch keine allzu hohe Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Die Mannschaft spielt befreit auf.

Welche Gründe sehen Sie noch für den Aufschwung?

Es passt hier alles zusammen, auch die Auslosung. Mir wäre wesentlich unwohler, wenn wir im Viertelfinale gegen Spanien spielen müssten. Obwohl ich hier auch gesehen habe, dass die vermeintlich starken Mannschaften auch schwächeln. Kroatien war eine Katastrophe im Achtelfinale, Frankreich ist auch keineswegs überzeugend, die Spanier tun sich ebenfalls schwer.

Was ist also möglich bei diesem Turnier?

In diesem Turnier ist alles möglich – auch der Titelgewinn.

Also per Wildcard zum WM-Titel?

Die Ausgangssituation ist jedenfalls fantastisch. Und ich glaube auch, dass dann niemand mehr groß über die Wildcard reden würde. Wir als Deutscher Handballbund jedenfalls müssen uns da nichts vorwerfen lassen. Wir haben diese Chance gekriegt und nehmen sie jetzt wahr. Fertig.