Handball

Wie eine Wand

Der überragende Torhüter Lichtlein und die starke Abwehr führen Deutschland ins WM-Viertelfinale

Paul Drux ist gerade mal 19 Jahre alt und spielt seine erste Weltmeisterschaft. Vielleicht ist es seinem jugendlichen Übermut zuzuschreiben, dass der Rückraumspieler der deutschen Handball-Nationalmannschaft seine Gefühle nach dem Viertelfinaleinzug bei der WM in Katar einfach mal rausließ. „Absolut geil“, meinte der Berliner, „das Ergebnis hat gepasst, einfach der Hammer.“ Eine durchaus treffende Beschreibung, denn in den vorangegangenen 60 Spielminuten hatten Drux und seine Kollegen eindrucksvoll ihre Stärke nachgewiesen. Zum Auftakt der K.o.-Runde bezwang die deutsche Auswahl Ägypten vor 10.000 Zuschauern 23:16 (12:8) und spielt nun am Mittwoch im Viertelfinale gegen den WM-Gastgeber (16.30 Uhr).

56 Prozent der Würfe gehalten

„Die Abwehr und die Torhüterleistung waren sehr, sehr stark“, sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson: „Wir haben heute die richtige Coolness gezeigt.“ Das galt insbesondere für Torwart Carsten Lichtlein, der 56 Prozent der Würfe auf seinen Kasten abwehrte und die Ägypter so zur Verzweiflung trieb. Ein Weltklassewert, der gerade in der K.o.-Runde einer Weltmeisterschaft geradezu unglaublich erscheint. „Es gibt solche Spiele, wo alles klappt. Das war auf jeden Fall ein Spiel in den Top Fünf von mir“, sagte der 34-Jährige.

Es war anfangs allerdings ein hartes Stück Arbeit gegen die bisweilen überhart agierenden Afrikaner gewesen. Erst nach 4:43 Minuten gelang Steffen Weinhold das erste Tor der Partie, im Handball ist das eine halbe Ewigkeit. Angetrieben von Lichtlein und einer starken Abwehrleistung setzte sich Deutschland über 3:1 und 6:3 bis zur 22. Minute auf 10:5 ab. Vor allem Rechtsaußen Patrick Groetzki zeigte da eine bärenstarke Leistung, er traf allein bis zum Halbzeitpfiff fünf Mal. So stand eine 12:8-Führung beim Seitenwechsel.

Vor dem Spiel hatte es geheißen, die bereits für die K.o.-Runde qualifizierten Ägypter hätten ihr abschließendes Gruppenspiel extra gegen Island verloren, um dem WM-Zweiten Dänemark als Gegner im Achtelfinale aus dem Weg zu gehen. Deutschland schätzten die Afrikaner offenbar nicht so stark ein – ein fatales Fehlurteil. Denn auch in der zweiten Halbzeit setzten die Deutschen ihr starkes Spiel fort. Ägypten blieb sieben Minuten ohne eigenen Torerfolg, was Trainer Marwan Ragab mit einer Auszeit und wütenden Anweisungen an die Seinen quittierte. Allein: Es half nichts mehr. Die Auswahl des Deutschen Handballbundes war an diesem Tag einfach besser, traf nach schönen Spielzügen im Angriff und konnte sich zur Not auf Lichtlein verlassen. Es schien, als habe der 2,02-Meter-Hüne überall seine Hände und Füße im Spiel. Jedenfalls hielt er weiter mehr Bälle als er passieren lassen musste. „Alles, was durchgekommen ist, hat er gehalten“, staunte Drux. So konnte Trainer Sigurdsson die Partie am Ende mit seiner zweiten Reihe zu Ende bringen und musste gegen den frustrierten Gegner keine Verletzungen mehr riskieren. Uwe Gensheimer war letztlich mit sechs Toren bester deutscher Werfer.

Jetzt ist Olympia 2016 möglich

Der Traum vom Wüstenmärchen lebt also weiter, und es passt durchaus, dass es im Viertelfinale nun gegen den Gastgeber geht. Gegen Katars zusammengekaufte Weltauswahl dürfte es aber weitaus schwieriger werden als gegen die Ägypter (siehe Artikel rechts). Noch am Abend wollten sich die deutschen Spieler Videomaterial über Katar anschauen. „Katar hat viele europäische Spitzenspieler in seinen Reihen, aber ich will nach Rio“, erklärte Lichtlein, die menschgewordene Wand. Die ersten Sieben der WM nehmen an Qualifikationsturnieren für Olympia 2016 teil, als WM-Halbfinalist wäre man dann sogar Gastgeber eines solchen. Und vielleicht geht sogar noch mehr. Denn bei dieser WM, das sagt inzwischen sogar Sigurdsson, „ist alles möglich“.