Tennis

Der größte Sieg ihres Lebens

Venus Williams leidet am Sjögren-Syndrom. In Melbourne steht sie nun im Viertelfinale

Wenn sie in den vergangenen Jahren gemeinsam auf Grand-Slam-Reisen gingen, die berühmten „Williamses“, dann bot sich am Ende dieser Arbeitseinsätze immer ein ähnliches Bild: Oben, in der Spielerloge, saß die früh ausgeschiedene Venus Williams als Edel-Fan, als moralische Unterstützerin, als Mutmacherin für Schwester Serena. Und unten, auf einem der großen Centre Courts, ob nun in Wimbledon oder New York, kämpfte Serena Williams den Kampf um ihren Platz in den Geschichtsbüchern – drauf und dran, mit immer neuen Triumphen sogar noch eine Großmeisterin wie Steffi Graf als erfolgreichste Spielerin der Moderne zu übertrumpfen. Auch in der reinen Optik war so die Tenniswelt oft schroff getrennt für das Duo, das einst in geballter Kraft die Macht im Welttennis ausgeübt und nicht selten in Williams-Endspielen um die großen Titel gekämpft hatte.

Doch als am Montagabend aller Kampf und aller Nervenkitzel bei den Ausscheidungsspielen der Australian Open 2015 vorüber waren, war auf einmal die alte Williams-Herrlichkeit wieder da. Nicht nur Serena Williams, die Nummer 1 der Welt und Titelkandidatin, hatte das Viertelfinale des Majors erreicht, sondern auch – zur allergrößten Verblüffung der Fachwelt – jene Venus Williams, die seit 2011 ja keineswegs bloß gegen den Rest der Rivalinnen auf der Tour fightet, sondern auch gegen eine tückische Autoimmun-Krankheit, das sogenannte Sjögren-Syndrom.

Wie eine Mutter Courage des Grand-Slam-Betriebs wirkte die 34-Jährige in ihrer größten Stunde der späten, schweren Karriere-Jahre, beim in jeder Beziehung sensationellen 6:3, 2:6, 6:1-Sieg gegen die Weltranglisten-Sechste Agnieszka Radwanska aus Polen. „Am Ende spielte ich wie in Trance“, sagte die Athletin, die zu Anfang dieses Jahrhunderts die bestimmende Kraft im Frauentennis gewesen war. Schon damals Vorbild und Motivatorin für Schwester Serena, war die ältere Schwester nun noch immer und erst recht eine Inspiration: „Sie ist der größte Champion überhaupt. Was sie leistet, ist unbeschreiblich“, sagte die 18-malige Grand-Slam-Siegerin. Was eher für Utopie gehalten worden war, ein Williams-Zweikampf in der Endphase eines Grand-Slam-Spektakels, taucht nun noch einmal als durchaus reale Spielvariante auf – dann, wenn Serena und Venus jeweils ihre Viertelfinals in Melbourne gewinnen.

Schon zu Turnierbeginn hatte US-Legende Billie Jean King die älteste aller Grand-Slam-Streiterinnen mit der Bemerkung geadelt, es sei jedes Mal anrührend zu sehen, „wenn Venus Williams überhaupt auf den Court geht – gesund, energiegeladen und mit Spaß an ihrem geliebten Sport.“ Denn, so King, „nur die wenigsten wüssten, „welche Energieleistung hinter diesen Auftritten steht.“ Oft blieb die Schwere des Seins allerdings auch keinem in dieser oberflächlichen Glitter- und Glamourwelt verborgen, dann, wenn die ältere Williams-Schwester mit den Erschöpfungszuständen kämpfte, mit chronischen Schmerzen und wiederkehrenden Gelenkentzündungen. Der Körper, früher ihr elitäres Kapital, war auf einmal ihr unberechenbarer Feind – allerdings ohne dass sich die stoische Athletin je wortreich über ihr Schicksal beklagt hätte. „Sie erträgt das alles mit einer riesigen Würde, lässt sich nicht unterkriegen“, sagte Chris Evert, die Nummer-1-Spielerin der 70er und 80er Jahre. Und das stimmte und galt auch für jene frustrierendste Tennis-Zeit, in der sie nicht mal mehr in den Top 100 stand und von Spielerinnen umgeben war, die früher über eine halbwegs erträgliche Niederlage gegen Venus Williams froh gewesen wären.

Ihren Siegeslauf bei den Australian Open genießt die 34-jährige Williams. Nach ihrem Erfolg über Radwanska strahlte sie vor Freude. Ein Sieg als Symbol für die Unerschütterlichkeit dieser Athletin, die alle Höhen und Tiefen eines Lebens im Profisport erlebte und nun wieder ein Machtfaktor geworden ist. „Ich spüre eine große Freude und Genugtuung“, sagte Williams.