Wintersport

Locker ins Ziel

Felix Neureuther überzeugt durch Witz und Platz drei beim Weltcup-Slalom in Kitzbühel

Den Horizont erweitern, mal abseits ausgetretener Pfade zu lernen, das kann erfrischend wirken auf Körper und Geist. Darum gönnte sich Deutschlands bester Skirennläufer Felix Neureuther in Kitzbühel eine ungewöhnliche, rasante Art der Vorbereitung auf sein Weltcuprennen am Sonntag: Am Steuer eines Rallyeautos und unter kundiger Anleitung von DTM-Audi-Fahrer Mattias Ekström, 36, raste Neureuther vor dem Wochenende völlig euphorisiert über Eis und Schnee.

„Mattias Ekström hat mir gezeigt, wie das Autofahren richtig funktioniert“, grinste Neureuther hinterher: „Es war sehr beeindruckend – und vor allem nicht so schlimm, wenn man mal ein bisschen an die Seite rausgebumst ist...“ Eine Anspielung auf seinen folgenschweren Unfall vergangenen Februar, als er morgens auf dem Weg zum Abflug nach Sotschi mit seinem Wagen in die Leitplanke gekracht war und ein Schleudertrauma erlitten hatte.

Sieg für den Schweden Hargin

Selbstironie war immer schon eine Stärke von Felix Neureuther. Nur muss er mit ihr momentan nichts kaschieren. Beruflich nämlich läuft es blendend. Das Weltcuprennen auf dem kniffligen Ganslernhang in Kitzbühel beendete der zweimalige Sieger bei Schneetreiben auf dem dritten Rang. Schneller waren nur der schwedische Gewinner Mattias Hargin, 29, und der Österreicher Marcel Hirscher, 25, gewesen. Ein abermals sehr gute Teamergebnis der deutschen Starter rundeten Fritz Dopfer, 27, als Fünfter und der junge Linus Strasser, 22, mit dem besten Karriereergebnis (14.) ab.

„Unsere Technikergruppe fährt eine sensationelle Saison. Auf die können wir stolz sein“, schwärmte der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier, warnte aber vor gar zu überbordender Euphorie: „Wir kommen langsam in die Sphären, in denen erwartet wird, dass der Felix immer gewinnt, dass nur noch Neureuther und Hirscher Ski fahren. Aber andere können das auch. Nein, für uns geht das Ergebnis super in Ordnung.“

Für Neureuther galt das ebenso („Ich bin mehr als zufrieden“). Ob sie den Klassiker in Kitzbühel einmal in drei Worten beschreiben können, wurden die drei Erstplatzierten gebeten. Es fielen Begriffe wie „cool“, „toll“, „überwältigend“. Neureuther hingegen überlegte kurz, dann antwortete er trocken: „Hargin. Hirscher. Neureuther.“ Gelächter im Saal.

Felix Neureuther, das ist der Schelm im Ski-Wanderzirkus, bekannt für schöne Dönekes. Kürzlich zum Beispiel nach dem Slalom in Zagreb: Am Interviewpult von ORF 1 ließ der Moderator auf sich warten, drum schnappte sich Neureuther kurzerhand das Mikrofon und sprach hinein: „So, nachdem jetzt keiner hier ist, stelle ich die Fragen und antworte auch.“ Gesagt, getan. Heraus kam ein lustiges, halbminütiges Selbstgespräch, das nebenbei einen verbreiteten Trend zur Trivialität in der Medienbranche entlarvte.

Diesem Burschen böse sein? Geht kaum. „Felix hat einfach eine Gabe. Er ist eine besondere Persönlichkeit. Wahrscheinlich hat er das von seinen Eltern. Ein sehr schönes Gen, dafür kann er dankbar sein. Das hätte ich auch gern manchmal“, sagt augenzwinkernd Wolfgang Maier.

Maier kennt Felix, den Frechen, schon von Kindesbeinen an. Einen besseren Botschafter für den DSV als ihn kann er sich nicht vorstellen. „Felix ist ein Sportler, der die Menschen mitnehmen und begeistern kann. Er ist der Wintersportler in Deutschland, der am meisten bewegen kann.“ Maier meint: „Felix kann, was die Werbung für die Disziplin angeht, mit den Fußballern mithalten.“

Populär war der Filius der bayerischen Skilegenden Rosi Mittermaier und Christian Neureuther schon immer. Talent und Skigefühl besitzt er ebenfalls seit jeher im Überfluss. Was mittlerweile anders ist: Neureuther junior liefert zuverlässig Klasseresultate ab, und er scheidet nur noch höchst selten aus. In neun Saisonrennen kam er stets ins Ziel, platzierte sich nie schlechter als Rang acht, stand sechsmal auf dem Podest und feierte zwei Siege. In der Slalom-Weltcupwertung ist er als weiterhin Führender größter Widersacher seines in den vergangenen Wintern überragenden Kumpels Hirscher. Dienstag duellieren sich beide im Nacht-Slalom in Schladming abermals. „Als Sportler habe ich das Glück, mit großen Drucksituationen umgehen zu dürfen“, sagt der Deutsche. Ein bemerkenswerter Satz, den er früher so nie gesagt hätte.

Was-wäre-wenn-Fragen schieben sie dabei im DSV beiseite. Was wäre gewesen, wäre Neureuther in der Vergangenheit nicht so oft verletzt, gehandicapt, körperlich beeinträchtigt gewesen? Was, hätte er 2014 eine normale Saisonvorbereitung absolvieren können statt von einem Arzt zum anderen, von Physiotherapie zu Physiotherapie gependelt wäre? Es hilft ja alles nichts. Der Körper des 30-Jährigen ist und bleibt eine Wanderbaustelle.

Gute Chancen bei der WM in Vail

„Felix ist durch Verletzungen extrem gebremst worden“, sagt DSV-Techniktrainer Albert Doppelhofer. Doch Neureuther gelinge es, den Nachteil durch seine blendende Technik und viel Skigefühl zu kompensieren. Hinzu kommt ein ganz wichtiger Faktor: „Felix ist ein Wettkampftyp.“

Er kann es demnächst beim Saisonhöhepunkt, den Weltmeisterschaften in Vail/US-Bundesstaat Colorado (2. bis 15. Februar), beweisen. Am Montag gibt der Deutsche Skiverband in München die Nominierten für die Titelkämpfe bekannt. Sicher ist: Nach dem Rücktritt von Maria Höfl-Riesch, 30, wird Neureuther in Amerika das Gesicht der deutschen Skinationalmannschaft sein. Und selbst wenn er dort einmal ins Schleudern geraten sollte – er weiß ja jetzt, was zu tun ist.