Tennis

Nie war Nadal faszinierender

Die Australian Open erleben ein wundersames Comeback des Spaniers, er selbst nennt es das schwerste seiner Karriere

Als Rafael Nadal, 28, in der zweiten Runde mit der Leidensmiene eines angeschlagenen Gladiators durch die Rod Laver-Arena schlich, im Duell mit dem Amerikaner Tim Smyczek, da hätte man sich bei Australian Open über nichts mehr gewundert. Vielleicht hätte im nächsten Moment einer aus Nadals Begleittross ein weißes Handtuch in die Grand-Slam-Kampfstätte geworfen, vielleicht wäre jemand mit einer Infusionslösung für den nahe am Zusammenbruch stehenden Fighter erschienen, vielleicht hätte sogar einer der Turniermediziner dem seltsamen Schauspiel ein jähes Ende bereitet.

Doch beim größten aller Wettkämpfer im heutigen Tennis kommt es inzwischen fast immer anders als man denkt. Gerade noch vom eigenen körperlichen Totalversagen beim Fünf-Satz-Sieg gegen Smyczek bedroht, rückt der Spanier nun mit selbstbewussten Schritten voran im Grand-Slam-Tableau. Von wegen Rausschmiss, von wegen Rückschlag: Nach seinem 7:5, 6:1, 6:4-Achtelfinalerfolg gegen den südafrikanischen Aufschlagriesen Kevin Anderson, immerhin die Nummer 15 der Weltrangliste, steht Verwandlungskünstler Nadal bereits in der Runde der letzten Acht. „Ich bin froh und glücklich über das, was ich hier schon geschafft habe“, sagte der bullige Mallorquiner, der zuletzt schmerzlich vermisst worden war im Turnierbetrieb, er, der Mann für die außergewöhnlichen Dramen und Siege, aber auch für die buchstäblich schmerzlichen Auftritte.

Weltrekordserie gegen Berdych

Denn wo seine stärksten Gegenspieler fast leidensfrei durch die Tennis-Spielzeiten hindurchziehen, einmal abgesehen von den sehr gelegentlichen Rückenproblemen Roger Federers, hat Nadal seit jeher seine liebe Not mit dem eigenen Körper. Auch in der letzten Saison musste sich Nadal wieder längere Zwangspausen nehmen, mal plagte ihn das Handgelenk, mal der Blinddarm. Er kenne keinen Spieler, sagt Nadals Trainer und Onkel Toni, „der Schmerzen so wegstecken kann wie er, Schmerzen an jedem einzelnen Tag. Das begleitet ihn schon seit den Tagen als Junior und Jungprofi.“ So war Nadals Karriere längst nicht nur eine der großen Triumphe, sondern auch immer eine der Comebacks. „Er wirkt auf mich wie ein Mann, der sich immer wieder selbst neues Leben einhaucht. Mit unheimlicher Willenskraft“, sagt der ehemalige Topmann John McEnroe, „jeder andere hätte längst alles hingeschmissen.“

Als sich Nadal gegen Smyczek nach einem 1:2-Satzrückstand noch in die dritte Runde vorgeackert hatte, feierte er diesen Pflichtsieg wie sonst nur einen Pokalgewinn – ergriffen von der geglückten Aufholjagd, sank er zu Boden und konnte die Tränen der Rührung nicht verbergen. „Ich weiß, dass dies die schwerste Rückkehr in meiner Karriere ist. Auch weil gerade so viele gute Spieler in die Spitze nachrücken“, sagt Nadal und meint damit die Raonics, Dimitrows oder auch Andersons dieser Tenniswelt. Hungrige Jäger, die jeden kleinsten Schwachpunkt ausnutzen und auf die körperliche Befindlichkeit eines Rivalen keinerlei Rücksicht nehmen können.

Auf einen zeitigen Abschied Nadals sollte nun aber niemand mehr wetten in Melbourne, erst recht nicht nach dem makellosen Achtelfinalel gegen den humorlosen Service-Riesen Anderson. Als hätte es die schwächere Ausgabe seiner selbst gar nicht gegeben zu Turnierbeginn, erhob sich der Spanier nun in einer verrückten Metamorphose wie selbstverständlich zum Titelkandidaten. „Nie war Nadal so unberechenbar wie jetzt. Aber auch nie so faszinierend wie jetzt“, befand Englands früherer Spitzenspieler Greg Rusedski. Als nächster könnte der Tscheche Tomas Berdych die Power Nadals zu spüren bekommen. Über einen Rekordwert in den Duellen mit dem Spanier wird sich Berdych gewiss nicht freuen: Denn 17 Niederlagen in den letzten 17 Spielen gegen den Spanier markieren einen traurigen Weltrekord in den Geschichtsbüchern dieses Sports, bei Männern wie Frauen.