Tennis

Völlig neue Aussichten

Seit einer Augen-OP kann Julia Görges besser sehen und glänzt nun bei den Australian Open

Die Einstimmung auf die Hochzeitsparty am Abend war perfekt. Und ein besseres Geschenk als den Einzug ins Achtelfinale der Australian Open hätte Julia Görges ihrem Fitnesstrainer Damian Prasad kaum machen können. „Auf der Feier wird es rund gehen“, sagte Görges und lachte. Wie befreit wirkte die 26-jährige aus Bad Oldesloe nach ihrem 7:6 (8:6), 7:5-Erfolg gegen die Tschechin Lucie Hradecka. „Ich werde mir jetzt etwas Hübsches anziehen und dann zur Party ins Hotel fahren“, sagte Görges.

Hochzeitsfeier als Belohnung

Seine Hochzeitsfeier hatte Physiotherapeut Prasad extra so gelegt, dass er das Drittrundenspiel seines Schützlings live von der Tribüne aus verfolgen konnte. Und die Planung hatte sich in der Tat gelohnt, denn Görges präsentierte sich auf dem Hartplatz topfit, überstand kurze Schwächephasen souverän und siegte verdient. „Ich liebe dieses Land, das Wetter, die Leute. Ich fühle mich hier wie zu Hause“, schwärmte die Fed-Cup-Spielerin, die am Sonntag mit einem Sieg über Jekaterina Makarowa (Russland/Nr. 10) erstmals in ihrer Karriere ein Grand-Slam-Viertelfinale erreichen könnte. „Ich bin spielerisch in der Lage, sie zu schlagen“, sagte Görges selbstbewusst.

Für Nachwuchshoffnung Carina Witthöft kam in der dritten Runde dagegen das Aus. Die Hamburgerin unterlag der Rumänin Irina-Camelia Begu mit 4:6, 4:6. „Ich bin ein bisschen enttäuscht. Andererseits habe ich jetzt total Lust bekommen, richtig anzugreifen“, sagte die 19-Jährige. Görges überrascht es nicht, dass Witthöft so stark aufgespielt hat. „Ich habe mit Carina vor Weihnachten ein paar Mal in Hamburg in ihrer Halle trainiert, weiß so, was sie drauf hat“, sagte Görges, „sie entwickelt sich noch, das sehr schnell. Es zeigt auch, wie gut unser Nachwuchs in Deutschland bei den Frauen ist.“

Julia Görges selbst gehört freilich nicht mehr zum Nachwuchs, immerhin war sie 2012 schon mal auf der Weltranglistenposition 15 notiert. Doch es folgten schwierige Jahre mit Verletzungen. Jetzt kehrt sie wieder ins Rampenlicht zurück. „Ich bin auf dem richtigen Weg und will wieder zurück in die Top 20“, kündigte Görges an, die derzeit auf Platz 73 steht.

Dass Görges vor drei Jahren den Anschluss verlor, hatte einen Grund. Und der hat mit ihren hübschen blauen Augen zu tun. Görges fehlte schlichtweg der richtige Durchblick. „Vor knapp drei Jahren musste ich meine Augen lasern lassen. Bei mir wurden minus sechs Dioptrien festgestellt“, erzählte sie. Zwar trug sie schon längere Zeit Kontaktlinsen, doch diese stellten sie vor allem abends vor das große Problem, den Ball richtig zu sehen. „Zudem schädigen die Linsen auch auf Dauer die Augen weiter.“ Eines Tages erhielt Görges einen Anruf aus Kiel, von Professor Detlef Uthoff. Er bot ihr die sofortige Hilfe mittels einer Operation mit dem Hinweis auf eine klare Besserung an. Görges nahm das Angebot an und war selbst überrascht vom Erfolg. „Ich kann jetzt zu 200 Prozent sehen. Das war zu Beginn schwierig, weil die Bälle plötzlich so klar, so dicht auf mich zuflogen. Aber jetzt sehe ich wieder klar“, erzählte Görges.

Dennoch war der Weg zurück hart und steinig. Auch weil sie noch einen Kapselanriss im rechten Handgelenk erlitt. „Zu Anfang konnte ich nicht mal die Schaltung im Auto bedienen“, berichtete Görges über die Folgen der Trainingsverletzung. Problematisch war die Malaise auch, weil sie bei ihrer Vorhand eine extreme Griffhaltung bevorzugt. 2013 verlor Görges 16 Auftaktmatches und konnte von 42 Partien nur 16 gewinnen. In der Weltrangliste fiel sie fast aus den Top 100 – das Selbstvertrauen schmolz dahin. „Ich habe aber immer an mein Team geglaubt und einfach weiter gearbeitet“, sagte die deutsche Nummer sechs, die seit Jahren von Sascha Nensel gecoacht wird.

Athletik und Beinarbeit verbessert

Und für Görges gab es nur einen Weg aus dem sportlichen Tal: „Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das zahlt sich aus. Ich weiß, was mein Körper leisten kann.“ Mit ihrem Coach hat sie zuletzt viel an ihrer Athletik gearbeitet, die Beinarbeit stark verbessert, an der Ballkontrolle gefeilt. „Ich habe einfach mehr Geduld. Das hat sich bereits ausgezahlt. Dazu kommt, dass ich Melbourne, das Turnier über alles liebe. Hier ist alles so familiär, ich habe stets das Gefühl, mich heimisch zu fühlen.“

Natürlich war Görges auch mal frustriert, als es schlecht lief und andere wie Angelique Kerber oder Sabine Lisicki an ihr vorbeizogen. Aber nie habe sie sich in den schweren Zeiten gefragt, ob das alles noch Sinn mache. „Die Lust auf Tennis in mir ist weiter groß. Wenn man Kinder fragt, was ihr Berufswunsch sei, die dann antworten, Tennisprofi zu werden und einmal die Top 100 zu schaffen, dann kann ich sagen, dass ich das geschafft habe. Und ich werde wieder zurückkommen.“ Das Selbstvertrauen ist wieder da. Görges hat ihr Hotel in Melbourne bis zum letzten Turniertag gebucht. mit sid