Hertha BSC

Auf der Suche nach dem Geist von Belek

Im Trainingslager an der türkischen Riviera will Hertha für den Kampf gegen den Bundesliga-Abstieg näher zusammenrücken

Dieses Jahr hat für Hertha BSC mit ein paar unschönen Aussichten begonnen. Ein bisschen bedrohlich sogar – so als müsse man sich auf eine ziemlich stürmische Zeit gefasst machen. In Belek, wo die Berliner seit Sonntag ihr Wintertrainingslager aufgeschlagen haben, war nämlich Land unter. Die fünf Ligakonkurrenten Bremen, Mönchengladbach, Augsburg, Paderborn und Hannover, die zuvor ebenfalls an der türkischen Riviera-Küste gastierten, wurden nass und froren.

Doch pünktlich zur Landung der Blau-Weißen schlug das Wetter um. Am frühen Morgen war bei minus einem Grad Celsius in Schönefeld der Großteil der 47-köpfigen Delegation des Bundesliga-13. in eine Chartermaschine gestiegen und um 14.02 Uhr Ortszeit in Antalya aufgesetzt. Von dort aus ging es ins 16 Grad warme Belek. Als letzte der 18 Bundesliga-Mannschaften hat das Team von Trainer Jos Luhukay das Winterquartier im Süden bezogen, um sich auf die für die Berliner am 1. Februar in Bremen beginnende Rückrunde vorzubereiten.

Viel taktische Arbeit

„Wir werden taktisch viel arbeiten müssen, viele Spielformen üben und uns die nötige Spritzigkeit holen“, sagt Innenverteidiger Sebastian Langkamp, der schon im vergangenen Jahr in Belek dabei war. Hertha hat sich zum vierten Mal in Folge für den Badeort entschieden, der früher einmal nicht mehr war als Sand und Pinienwälder, seit den 90er Jahren aber zu einer unwirklichen Ansammlung von Luxushotels mutiert ist, die im Winter gern Fußballklubs bevölkern. Ebenso blieb man dem Teamhotel treu, dem „Cornelia Diamond“, einer Nobelherberge mit einem Golfplatz und mehreren Fußballfeldern. Die erste Trainingseinheit gab es schon am Sonntagnachmittag.

Luhukay sah dabei noch ziemlich blass aus. Dem Niederländer hatte eine Grippe tagelang zugesetzt. 24 Profis hat er mit nach Belek genommen – 21 Feldspieler und drei Torhüter. Neben den verletzten Alexander Baumjohann und Tolga Cigerci fehlen Änis Ben-Hatira wegen einer Zehenblessur und Salomon Kalou, der am Dienstag mit der Elfenbeinküste gegen Guinea in den Afrika-Cup einsteigen wird. Dafür dürfen sich Maximilian Mittelstädt, 17, und als dritter Torwart Nils Körber, 18, zeigen. Bis zur Rückreise am Sonnabend wird Luhukay täglich zweimal trainieren lassen. Dazu sind zwei Testspiele angesetzt: Im Rahmen eines Kurzturniers geht es am Dienstag gegen die Young Boys Bern, Dritter der Schweizer Liga, sowie am Freitag entweder gegen den FC Thun, Fünfter in der Schweiz, oder den Zweitligisten Greuther Fürth. Die Vermarktungsrechte beider Partien wurden verkauft und somit die Gesamtkosten von rund 40.000 Euro für die Reise zum größten Teil eingespielt.

Die Bedingungen sind zwar dieselben des Vorjahres, doch das Leitmotiv hat sich gewandelt: Ging es Anfang 2014 noch darum, das damals überraschend auf Platz sechs überwinternde Team in der Erfolgsspur zu halten, muss jene nun erst dringend wiedergefunden werden.

Hertha ist mit dem Wissen angereist, nur einen einzigen Zähler Vorsprung auf die Abstiegsränge zu besitzen sowie die zweitschlechteste Defensive und eine der spielschwächsten Offensiven der Liga zu unterhalten. „Wir wollen uns defensiv stabilisieren“, sagt Kapitän Fabian Lustenberger. „In der Hinrunde ist uns das nicht gelungen. Daran müssen wir nun arbeiten“.

Suche nach Kreativität

Eine zentrale Frage wird Luhukays Vorhaben mit dem Schweizer sein. In den beiden enttäuschenden Tests gegen die Drittligisten Halle (1:3) und Cottbus (1:1) spielte Lustenberger im defensiven Mittelfeld und nicht wie sonst in der Innenverteidigung. Neben der Defensivformation fahndet der Trainer zudem auch nach einer verbesserten Spielkultur und hofft, dabei auf einen Profi in seinem Kader zu stoßen, der den verwaisten Kreativbereich mit Leben füllt.

Gegen Halle und Cottbus durften sich Ronny und Jens Hegeler versuchen – beide enttäuschten. Besonders sie müssen Belek für Argumente in eigener Sache nutzen. Andererseits wird Hertha die Bemühungen auf dem Transfermarkt intensivieren müssen, um einen neuen Spielgestalter zu finden. Niederländische Medien berichten, dass Davy Pröpper und Marko Vejinovic von Vitesse Arnheim Kandidaten sein sollen. Nach Morgenpost-Informationen ist an den Gerüchten nichts dran, ebenso wenig wie an einem Interesse an Gökhan Inler vom SSC Neapel. Manager Michael Preetz, der ebenso wie Präsident Werner Gegenbauer mitgereist ist, wird man wohl die meiste Zeit in Belek am Telefon sehen.

Doch neben den personellen Fragen geht es im türkischen Winterlager auch um einen mentalen Aspekt: „Durch das engere Zusammensein kann das Mannschaftsgefühl noch einmal gestärkt werden“, sagt Langkamp. Luhukay hat erkannt, dass seinem Team vor allem Sicherheit fehlt. Deshalb wird er keine großen Experimente wagen. Seine Elf muss sich in Belek ihrer selbst vergewissern. „Es geht darum, uns als Mannschaft wieder zu festigen“, sagt Luhukays Co-Trainer Markus Gellhaus. Es ist somit auch eine Suche nach einem neuen Geist von Belek.

Ob dieser gefunden wird, hängt maßgeblich auch von Luhukay ab. Interessant wird zu beobachten sein, wie er seine Mannschaft anspricht, fordert und ob er sie geschlossen hinter sich bringen kann. In der Vergangenheit nutzte Luhukay die ersten Einheiten in Trainingslagern stets dazu, seine Profis etwas raubeiniger aufzurütteln.

Die Aussichten jedenfalls sind nicht die allerbesten für Hertha – trotz günstiger Wetterlage. In Belek geht es darum, ob den Berlinern tatsächlich stürmische Zeiten bevorstehen oder bald wieder etwas heitere.