Volleyball

Phasenweise wie im Rausch

BR Volleys gewinnen das Spitzenspiel der Bundesliga gegen Friedrichshafen und sammeln Mut für die Champions League

Der Mann des Spiels wusste das Ergebnis bei aller Freude doch gleich richtig einzuordnen. „Der Sieg ist natürlich wichtig“, sagte Rob Bontje nach dem 3:2 (19:25, 25:16, 25:13, 20:25, 15:10) seiner BR Volleys gegen den VfB Friedrichshafen im Spitzenduell der Volleyball-Bundesliga. Der Niederländer, zum wertvollsten Mann der Partie gewählt, blickte dabei allerdings weniger auf Tabellenpositionen oder alte Rivalitäten. Und so schob er schnell hinterher: „Das Wichtigste, was wir daraus mitnehmen können, ist Selbstvertrauen. Das tut der Mannschaft gut.“

Da klingt schon sehr klar durch, dass die Berliner, als Deutscher Meister in diese Saison gestartet, bisher alles andere als zufrieden mit dem Verlauf derselben sind. In der Liga liegen sie immer noch vier Punkte hinter den Häflern auf Rang zwei. Im deutschen Pokal sind sie mit einem glatten 0:3 am Bodensee gescheitert. Und auch das Hinspiel um Punkte in Friedrichshafen hatten sie – nach 2:0-Satzführung – verloren. Der VfB schien auf dem Weg zu alter Dominanz zu sein, die die Volleys vor drei Jahren gebrochen hatten.

Nun also endlich der erste Sieg im dritten Anlauf dieser Spielzeit. „Das Resultat ist für alles wichtig“, sagte Berlins Trainer Mark Lebedew, „für die Tabelle natürlich. Aber nach den zwei Niederlagen zuvor ...“. Der Australier ließ den Satz unvollendet, doch klar war: Eine dritte Pleite hätte seiner Mannschaft, die immer noch versucht, ihren Rhythmus zu finden, einen schweren Dämpfer gegeben.

Klare Sätze, spannendes Spiel

Immerhin scheint Lebedew nun die Stammformation seines Vertrauens gefunden zu haben. Mit Zuspieler Kawika Shoji, Diagonalangreifer Paul Carroll, den Außenangreifern Robert Kromm und Scott Touzinsky, Libero Erik Shoji sowie im Mittelblock Tomas Kmet und Rob Bontje, der seinen Vorgänger Srecko Lisinac immer besser ersetzt, begann er gegen Friedrichshafen. Im ersten Durchgang lief vor 7341 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle jedoch längst nicht alles nach Plan. Die Gäste, mit dem Selbstbewusstsein von elf Ligasiegen in Folge angereist, machten einen ruhigeren, abgeklärteren Eindruck und gewannen ihn souverän, weil sie von 14:13 auf 19:13 davonzogen.

Erster Wendepunkt war eine kuriose Situation Anfang des zweiten Satzes, als das Publikum aufstöhnte, weil der 2,12 Meter große Kromm bei einem missglückten Feldabwehrversuch wie in Zeitlupe reagierte und dabei höchst unglücklich aussah. Danach wirkte er aber geradezu wachgeküsst, sammelte allein im zweiten Satz sieben Punkte und war am Ende der Partie mit 21 Punkten in dieser Statistik der beste Mann auf dem Feld.

An seiner Seite steigerten sich je auch alle anderen. Besonders Touzinsky, wie immer in solchen Spielen höchst konzentriert und präzise, und Bontje. Gekämpft wie die Löwen hatten sie von Beginn an, doch plötzlich wirkten die Berliner in vielen Bereichen nun erheblich stärker als ihr förmlich in sich zusammenstürzender Kontrahent: im Block mit den riesigen Kromm und Bontje (2,06 Meter), aber besonders im Aufschlag. Der VfB wusste kaum noch, wie ihm geschah. „Wir haben den zweiten und dritten Satz zu einfach hergegeben“, ärgerte sich Friedrichshafens Zuspieler Simon Tischer, „das darf so nicht passieren. Wir sind irgendwie zu fest geworden. Vielleicht lag es an der Kulisse, die war schon besonders.“

Die BR Volleys, frenetisch angefeuert vom Publikum, spielten jetzt phasenweise wie im Rausch – der allerdings im vierten Satz plötzlich verflogen war, als die Gäste aus einem 16:16 ein 19:16 machten und diesen Vorsprung ins Ziel brachten. Im Schlussabschnitt waren dann wieder die Hausherren obenauf, ihre harten Aufschläge und beeindruckende Blocks von Kawika Shoji und Bontje zogen den Süddeutschen den letzten Nerv.

Eigentlich ein kurioser Verlauf – die Partie war spannend und völlig offen, obwohl keiner der Sätze am Ende eng war. Bundestrainer Heynen(„Das war heute ein Spiel für die Fans“) lobte die Verteidigung der BR Volleys, Shoji die Berliner Zuschauer: „Sie haben uns einen riesigen Schub gegeben“, sagte der Amerikaner, der nun auf seiner Position wieder zur ersten Wahl geworden sein dürfte – so wie er gegen den Tabellenführer auftrat.

Mittwoch gegen Budva

Bleibt jetzt trotzdem eine Träne im Knopfloch, weil statt der möglichen drei Punkte nur zwei an die Berliner gingen? Platz eins in der Tabelle können die BR Volleys aus eigener Kraft nicht mehr erreichen. Das ist zwar weit vorausgeschaut, aber in einem möglichen Finale zwischen den beiden stärksten Teams in Deutschland hätte Friedrichshafen im Play-off den Heimvorteil auf seiner Seite. „Der Heimvorteil ist wichtig“, sagte Shoji, „aber wichtiger ist, dass wir unseren besten Volleyball am Ende der Saison spielen.“

Er blickte lieber nicht ganz so weit voraus, sondern auf das ebenfalls wichtige Spiel in der Champions League am Mittwoch (19.30 Uhr, Schmeling-Halle) gegen Montenegros Meister Budvanska Budva. „Wir müssen uns schnell erholen und dann mit der gleichen Intensität und emotionalen Einstellung auf das Spielfeld treten.“ Genügend Selbstvertrauen haben sie nun jedenfalls.