Fußball

Real Madrid in der Krise

Cristiano Ronaldos Knie schmerzt, Weltmeister Kroos ist müde: Langsam rächt sich, dass Trainer Ancelotti auf Rotation verzichtet

Tagelang wurden die Trommeln gerührt. In einem Meer von Bengalos geleiteten tausende Fans den Mannschaftsbus zum Stadion. Die Zeitung „As“ ließ prominente Journalisten und Fans ein Hexenbrett zur Beschwörung des Geistes des verstorbenen Aggressiv-Leaders Juanito inszenieren. Vor Spielbeginn wurde die Präsentation des Goldenen Balles von Weltfußballer Cristiano Ronaldo zu einer Show aufgeblasen, in deren Rahmen sich auch James Rodríguez (bestes Tor) sowie Sergio Ramos und Toni Kroos (Elf des Jahres) ausgiebig produzieren durften. Wie groß ist Real Madrid! Und wie klein dagegen der Stadtnachbar, Atlético! Oder etwa nicht?

Torres ist der Held des Abends

Als es dann losging, schlug Pepe planlos einen Ball nach vorn, der postwendend zurückkam. Und dann verlor er den Zweikampf gegen Antoine Griezmann. Und dann legte Griezmann in die Mitte. Und dort irrte Ramos umher. Und dort stand Fernando Torres und schaufelte den Ball ins lange Eck. Gespielt waren 51 Sekunden. Alle Einschüchterungsversuche, alle Appelle an die szenische Angst im Estadio Santiago Bernabéu, alle Hoffnungen, das 0:2 aus dem Hinspiel noch umzubiegen – schon erledigt. Offenbar hatten sie Juanito nicht die richtige Anstoßzeit gesagt.

Viel Lärm um wenig Fußball: Es folgte ein packendes, aber einfallsloses Flanken-Bombardement, das gegen die wohl kopfballstärkste Innenverteidigung Europas von vornherein nicht sonderlich erfolgsversprechend wirkte. Ein Fehler von Atléticos Ersatztorwart Oblak ermöglichte Ramos nach einem Freistoß von Toni Kroos den Ausgleich (20.), Ronaldo verbaselte zwei Chancen, aber das war es dann auch. „Wir haben unser Weiterkommen zu keinem Moment gefährdet gesehen“, sagte Torres, der die letzten Zweifel nach 39 Sekunden der zweiten Halbzeit selbst beseitigte: Fehlpass Ramos, Konter über Griezmann, Pepe verladen und Ersatztowart Navas den Ball durch die Beine geschoben. Fernando Torres, der bei Atlético gefeierte, ansonsten verspottete Heimkehrer erzielte an einem Abend mehr Tore gegen Real als zuvor in zehn Derbys zusammen, er war der Cowboy im Saloon – nicht Weltfußballer Ronaldo, dem immerhin noch sein Törchen zum 2:2-Endstand gelang (55.). „Bumm Bumm Torres“, titelte das Sportblatt „Marca“ über den Stürmer, den sie mit 30 Jahren immer noch „El Niño“ (der Junge) nennen – und der in sechs Spielen zuvor erfolglos geblieben war. Nur weil der frühere Bayern-Torjäger Mario Mandzukic wegen Grippe ausgefallen war, stand er überhaupt noch in der Startelf.

Fünf Mal nacheinander hat Real den Stadtnachbarn nun schon nicht besiegen können (Remis und Niederlage im spanischen Supercup; Heimniederlage in der Meisterschaft). Der Klubweltmeister ist in Madrid nur die Nummer zwei. Atlético hat keinen Akteur in der Fifa-Elf des Jahres, weniger Glamour, weniger PR und weit weniger Geld. Aber es frustriert mit seinem intelligenten Resultatsfußball die weiße Glitzertruppe so nachhaltig, dass auch noch der Mythos von den guten Manieren begraben wurde: Ein brutales Frustfoul von Isco erfuhr vom Publikum befremdlichen Szenenapplaus.

Selbst einem wie Cristiano Ronaldo war der ganze Hype um die vermeintlich so sichere Aufholjagd letztlich wohl ein bisschen zu dick aufgetragen. „Das Leben besteht nicht nur aus Toren“, sagte er nach dem Spiel ungewohnt kleinlaut. „Immer bei 100 Prozent zu sein, ist unmöglich. Ich bin nicht von einem anderen Planeten.“ Und wo er schon mal dabei war, gab er quasi auch noch ein offizielles Kriseneingeständnis zu Protokoll: „Ich bin vielleicht gerade nicht in meiner besten Phase, aber in zwei, drei Wochen werden wir wieder voll da sein: ich und auch die Mannschaft.“

Fürs erste hat Real Madrid nicht nur eine Titelchance verloren, sondern auch das Momentum. Nach 22 gewonnen Spielen in Folge vor Weihnachten gab es danach in vier Partien erst einen Sieg. Karim Benzema ist außer Form, die Verteidiger schlampen, Stareinkauf James Rodríguez taucht zu oft unter, Weltmeister Kroos strahlt inzwischen die Müdigkeit aus, die er schon länger beklagt.

Star spielt stets mit Schmerzen

Und über allem schwebt die Sorge um Ronaldo. Offenbar sind die Knieprobleme wieder aufgetreten, die ihn schon gegen Ende der vorigen Saison bremsten. „Ich habe mich daran gewöhnt, mit Schmerzen zu spielen“, sagte er jetzt. Der Satz war zur Beruhigung gedacht, trug aber nicht dazu bei.

Kroos (2476 gespielte Minuten) und Ronaldo (2429) sind die Dauerarbeiter einer Elf, der Trainer Carlo Ancelotti bisher hartnäckig die geforderten Rotationen verweigert hat. Das Pokalaus verspricht vor diesem Hintergrund wenigstens einen Kollateralnutzen, denn im Viertelfinale muss sich nun Atlético in zwei Spielen mit dem FC Barcelona herumschlagen. „Man hat mich gelehrt, dass es immer besser ist, weiterzukommen als auszuscheiden“, entgegnete Atlético-Trainer Diego Simeone. Sein Team lässt dem großen Nachbarn derzeit nicht mal die kleinen Triumphe.