Randsportart

Hilfe, mein Mann ist Cheerleader

Was selbst US-Präsidenten schon praktizierten, wird hierzulande noch immer belächelt

Cheerleader? Das sind doch die mit den Puscheln. Unzählige Male hat Lars Wunderlich diesen Spruch schon gehört. Wenn er auf der Arbeit oder im Freundeskreis von seiner sportlichen Leidenschaft erzählt, hat der 29-Jährige die Lacher stets auf seiner Seite. Denn viele können sich einfach nicht vorstellen, dass Cheerleading weit mehr ist, als das Publikum mit dem Pompon zu animieren. Und dass es tatsächlich Männer gibt, die diesen Sport betreiben. Die sind doch sowieso alle schwul, lautet ein gängiges Klischee. Ein anderes: Die machen das bloß, um den Mädchen unter den Rock zu schauen.

Ein Fünkchen Wahrheit steckt immerhin in Letzterem. Auch Lars Wunderlich entschied sich vor zehn Jahren in erster Linie deshalb für den Cheersport, weil er darin eine gute Gelegenheit sah, hübsche Mädchen zu treffen. Die Sporthalle als Jagdrevier, sozusagen. Seine Freundin Susi hat er tatsächlich beim Training kennengelernt, in ein paar Monaten bekommen die beiden ein Kind.

Immer schneller, immer höher

Doch Lars Wunderlich war schnell auch sportlich begeistert vom Cheerleading. Ihn reizt die Vielfalt dieser Sportart, die Elemente vom Turnen, Tanz und Bodenturnen mit Showelementen verbindet und neben Kraft und Ausdauer auch höchste Konzentration, Koordination und eine gehörige Portion Eleganz erfordert. „Das ist definitiv richtiger Leistungssport“, sagt Lars Wunderlich.

„Das Cheerleading hat in vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung genommen“, erzählt Robert Golz, der Trainer des Cats-Teams von ProSport Berlin 24. Immer schneller, immer höher, fast ohne Verschnaufpausen. In zweieinhalb Minuten Auftritt zeigen die Teams waghalsige Stunts und formieren sich zu Pyramiden mit schwindelerregender Höhe.

Die Rollen sind dabei klar verteilt: Die Frauen sind oben, die Männer stehen unten. Sie dienen als Katapult, um die Frauen zu werfen – und als Lebensversicherung, wenn sie wieder herunterspringen. Funktioniert das männliche Fangnetz nicht, drohen Knochenbrüche, im schlimmsten Fall sogar eine Querschnittslähmung. „Unsere Mädchen dürfen nicht herunterfallen. Das ist alles, was zählt. Wir behandeln sie wie Porzellanvasen“, behauptet Alexander Kloppe, ein Teamkollege von Lars Wunderlich.

Männer sind im Cheersport deshalb keineswegs belächelt, sondern ein kostbares Gut. Von 15.000 Mitgliedern sind nur etwa 500 männlich, und je mehr eine Mannschaft davon hat, desto spektakulärer kann die Show werden. Trotzdem ringen sie beim Publikum um Anerkennung. Ihnen geht es so wie den Abwehrspielern im Fußball: Wenn man sie nicht bemerkt, haben sie ihre Aufgabe gut gemacht. Auffallen tun sie nur, wenn etwas schief geht. Denn der Applaus gilt im Cheerleading meist den Mädels und ihren spektakulären Sprüngen. Dass es die Männer waren, die sie überhaupt erst in die Luft befördert haben, geht meistens unter.

Bei den Cats mischen derzeit vier Männer mit. Alexander Kloppe ist seit 2006 dabei. Früher war er Akrobat in einem Schöneberger Zirkus, ehe ihn ein Freund zum Cheerleading mitnahm. „Die meisten Männer fangen mit diesem Sport an, weil sie jemanden kennen, der ihn ebenfalls betreibt“, erzählt der 28-Jährige. Aus eigenen Stücken kommt fast niemand, anders als bei den Frauen. Cheerleading hat in Deutschland noch nicht den Stellenwert wie im Mutterland USA, wo sogar einige Ex-Präsidenten wie Ronald Reagan, Dwight Eisenhower , Franklin Roosevelt und George W. Bush einst aktiv waren. Die ersten Cheer-Teams Ende des 19. Jahrhunderts waren sogar reine Männermannschaften. Frauen wurden erst sehr viel später zugelassen.

WM 2015 findet in Berlin statt

Anders als viele andere Klubs machen die Cats keine Auftritte gegen Bezahlung. Sie sind ein reines Wettkampfteam. Derzeit trainiert die Gruppe für die Landesmeisterschaften Ende Februar in Potsdam und die nationalen Titelkämpfe im Mai in Stuttgart, doch das große Ziel sind die internationalen Meisterschaften: die Europameisterschaften im Juni in Kroatien und die Weltmeisterschaften in Berlin am 21. und 22. November. Die Chancen auf eine Qualifikation stehen nicht schlecht: Zuletzt waren die Cats dreimal bei einer EM vertreten, im letzten Jahr wurden sie zum ersten Mal Europameister. Bei der WM wird allerdings ein gemischtes Nationalteam gebildet, mit den besten Sportlern aus allen Vereinen. „Einige unserer Jungs haben aber trotzdem gute Karten, dabei zu sein“, glaubt Trainer Robert Golz.

Bis dahin werden sie weiter hart trainieren und sich noch so manchen Spruch ihrer Arbeitskollegen anhören müssen. Zum Beispiel, ob sich männliche Cheerleader vor den Auftritten ebenfalls schminken. Noch so ein Vorurteil. „Nein, wir schminken uns nicht“, sagt Lars Wunderlich. Zwar gehe auch er vor großen Wettkämpfen noch einmal zum Frisör und rasiere sich ordentlich. „Aber das mit den Glitzersteinchen im Gesicht überlassen wir dann doch den Mädels.“