Fußball

Neuer bekam nicht mal alle Stimmen der Deutschen

Bayern-Kollege entschuldigt sich nach der Kür Ronaldos

Robert Lewandowski sollte bei den Trainingseinheiten in Katar besser Schienbeinschoner tragen. Gut möglich, dass der ein oder andere Kollege des FC Bayern nonverbal seine Meinung zum Abstimmungsverhalten des polnischen Nationalmannschaftskapitäns bei der Wahl des Weltfußballers kundtun möchte. Lewandowski gab seine Stimme nämlich nicht Bayern-Torwart Manuel Neuer (wie Perus Kapitän Claudio Pizarro), sondern Cristiano Ronaldo. Was er da getan hat, wurde ihm schon einen Tag später bewusst: „Es war ein Fehler“, sagte er, „ich würde heute ganz klar Neuer wählen. Aber ich habe irgendwann im August abgestimmt. Heute würde ich anders wählen.“ Sportchef Matthias Sammer stellte seinen Stürmer zur Rede: „Ich habe mit Robert gesprochen, er hat es mir erklärt.“

Die Abstimmung darüber, wer den Ballon d’Or bekommt, die Goldtrophäe für den besten Spieler, ist zwar so demokratisch, wie eine solche Wahl eben sein kann. Aber das Ergebnis, das am Montagabend in Zürich verkündet wurde, ist aus deutscher Sicht enttäuschend. Cristiano Ronaldo räumte den Titel mit 37,6 Prozent der Stimmen ab. Lionel Messi wurde Zweiter mit 15,76 Prozent, hauchdünn vor Manuel Neuer mit 15,72 Prozent. Franz Beckenbauer schimpfte bei Sky: „Ungerecht. Scheinbar zählen bei dieser Wahl nicht Erfolge, sondern das Auftreten.“

Warum hatte Neuer keine Chance, dem von Experten weltweit nicht weniger als die Revolution des Torwartspiels attestiert wurde? Und wieso wurde Ronaldo mit so großem Abstand Erster, obwohl er bei der WM (wieder) keine Akzente setzte und gegen Deutschland 0:4 verlor?

Für Antworten muss man das Abstimmungsprozedere kennen. Die Wahlunterlagen werden schon im Spätsommer verschickt, um alle Stimmen zeitig beisammen zu haben. Wählen dürfen alle Trainer und Kapitäne der Nationalmannschaften, die vom Weltverband Fifa anerkannt sind. Die Stimmen des deutschen Kapitäns Bastian Schweinsteiger und von Joachim Löw haben also ebenso viel Gewicht wie die von Troy Cesar, Spielführer der Mannschaft der Britischen Jungferninsel. Oder die von Young Chimodzi, Nationaltrainer von Malawi. Zudem stimmt jeweils ein ausgewählter Journalist der Fifa-Mitgliedsländer ab, zum Beispiel Kollegen aus Kirgisistan, Vanuatu und Guinea-Bissau.

Für Finke war Robben der Beste

Überraschend war allerdings, dass selbst Kameruns Nationaltrainer Volker Finke (Arjen Robben) und Südkoreas Coach Ulli Stielike (Ronaldo) nicht für ihren Landsmann stimmten. Auch Brasiliens Trainer Carlos Dunga setzte lieber auf seinen Star Neymar, der wiederum auf Barca-Kollege Messi.

Es ist also eine wahrhaft globale Wahl, und jenseits des europäischen Marktes war Manuel Neuer vor der WM 2014 halt ein unbeschriebenes Blatt. Seine Kontrahenten Messi und Ronaldo sind in Asien, Afrika und Südamerika längst Ikonen, auch und vor allem für die Werbetreibenden. „Man muss einfach akzeptieren und anerkennen, dass Cristiano Ronaldo eine viel größere Strahlkraft als Manuel Neuer hat. Er polarisiert immens, man hat eine Meinung von ihm. Ronaldo ist eine Figur, die für hohe Aufmerksamkeit sorgt“, sagt Markenexperte Hartmut Zastrow von der Beratungsfirma Repucom. So kommt Ronaldo bei Facebook auf 105 Millionen Follower, Messi immerhin auf 77 Millionen. Manuel Neuer hat 7,7 Millionen Follower. „Von geschossenen Toren nehmen die Menschen mehr Notiz als von Toren, die durch einen überragenden Torwart wie Neuer verhindert werden“, sagt Zastrow.

So fällt die weltweite Resonanz auf die Wahl auch anders aus als hierzulande. „Nur Deutschland stellt den Goldenen Ball für Ronaldo in Frage“, titelte die Spaniens Zeitung „As“. „50 Tore sind nicht dasselbe wie 50 Paraden“, schrieb „Marca“. Empfangen wurde Neuer bei der Rückkehr zu Bayern dennoch fröhlich. „Wir müssen ihn nicht trösten. Manuel ist stabil. Für uns ist er der Allergrößte“, sagte Sammer.