Kaderpolitik

Füchse stellen sich neu auf

Handball-Bundesligist verpflichtet schon jetzt weitere Spieler für die kommende Saison

Für Bob Hanning ist die Situation gar nicht so schwer zu erklären. „Sicher kann jeder verstehen, dass ein Auto auch mal zum Tanken muss“, sagt der Geschäftsführer der Füchse Berlin. Er versucht damit deutlich zu machen, warum die vergangenen Monate nicht allzu erfreulich verliefen. Platz zehn in der Handball-Bundesliga, zehn Niederlagen bei 20:22 Punkten nach 21 Spieltagen – das widerspricht dem Anspruch seines Klubs. Zumal nach zwei Jahren in der Champions League und gar deren vier unter den Top Fünf der stärksten Handball-Liga der Welt. „Wir hatten Erfolge, die eigentlich gar nicht möglich waren“, ordnet Hanning das Erreichte ein. Nun ist so etwas wie Realität eingezogen. Aber mit der gibt sich in Berlin niemand zufrieden, der ehrgeizige Manager schon gar nicht. Also versucht er, den Karren wieder flott zu kriegen.

Er habe es leicht gehabt, denn „wir wissen: Wir brauchen vier neue Reifen, ein neues Lenkrad, einen neuen Fahrer, und die Achse ist auch kaputt“. Das klingt wie: nah am Totalschaden. Am Montag präsentierte er nun drei weitere Teilchen für ein neues Erfolgsmodell. Dass der Isländer Erlingur Richardsson im Sommer Nachfolger seines zum Bundestrainer aufgestiegenen Landsmannes Dagur Sigurdsson wird, ist ja schon eine Weile klar; ebenso der Zugang von Mittelmann Drago Vukovic (aus Nettelstedt). Während der kroatische Nationalspieler mit 31 Jahren aber auf der Höhe seiner Handball-Karriere stehen dürfte, haben Kent Robin Tönnesen, 23, Ignacio Plaza Jimenez, 21, und Bjarki Elisson, 24, ihre beste Zeit vermutlich noch vor sich. Die Füchse hätten nichts dagegen, wenn sie diese in Berlin erleben.

Wunsch des neuen Trainers

„Bjarki war der absolute Wunschspieler unseres neuen Trainers“, sagt Hanning über den Linksaußen Elisson, der vom ThSV Eisenach kommt und mit durchschnittlich 6,6 Toren zweitbester Werfer der 2. Bundesliga ist. Ein exzellenter Siebenmeterschütze ist er dazu: Neun von zehn Versuchen landen im Tor. „Ich möchte endlich wieder das Gefühl haben, mit einem Siebenmeter belohnt und nicht damit bestraft zu werden“, scherzte Hanning. Die Füchse-Quote liegt nur knapp über 70 Prozent. „Ich wollte in die erste Liga. Berlin ist für mich eine riesige Chance“, erklärt der Isländer zu seinem Wechsel.

Schon einen Schritt weiter ist der Norweger Tönnesen, rechter Rückraumspieler, der den Füchsen im Bundesligaspiel seiner HSG Wetzlar Mitte Oktober sieben Gegentore einschenkte. Er zog eine Option, seinen Vertrag vorzeitig im Sommer aufzulösen. Seine normale Quote beträgt 5,2 Treffer pro Spiel. Jimenez trägt aktuell in seiner spanischen Heimat das Trikot des Erstligisten Puerto Sagunto, wo der 1,96 Meter große Kreisläufer knapp sechs Treffer pro Partie erzielt. Ihn hat Hanning sich in Wien im vergangenen Sommer angeschaut, wo Jimenez bei der U20-EM wie der Fuchs Paul Drux im Allstar-Team stand. Und gleich Übereinkunft erzielt, dass man sich 2015 in Berlin wiedersieht. Momentan gibt es sogar Gespräche, dass er sofort zu den Füchsen wechselt.

Bei so vielen Zugängen ist klar, dass auch etliche Kräfte den Verein verlassen werden. Bisher war schon bekannt, dass der Spanier Iker Romero, der Russe Konstantin Igropulo sowie der Serbe Petar Nenadic keine neuen Verträge in Berlin erhalten. Das kann, aber das muss nicht das letzte Wort bei dem personellen Schnitt bedeuten, von dem Hanning spricht. Da sind zum einen Linksaußen Colja Löffler und Abwehrchef Denis Spoljaric, deren Verletzungen sich als schwerwiegender erwiesen, als zunächst erwartet. Offen ist aber auch, was aus Rückraumspieler Pavel Horak wird. „Er hat jetzt noch vier Monate Zeit, seine Leistung abzurufen“, drängt Hanning, „ansonsten wird es auch dort eine Veränderung geben.“ Bei den jüngsten Länderspielen gegen das deutsche Team erzielte der Tscheche prompt zehn Tore. So war das aber nicht gemeint. „Dafür hat er von mir gleich eine Abmahnung bekommen“, sagte Hanning. Das war nur ein Spaß. Horak wird trotzdem klar sein, dass die Lage für ihn durchaus ernst ist.

Vieles ist in Bewegung geraten bei den Füchsen Berlin. Geschäftsführer Hanning gibt für den bisher nicht glorreichen Saisonverlauf aber nicht nur der Mannschaft die Schuld, sondern nimmt auch sich selbst in die Pflicht. Sein erster Impuls sei gewesen: „Bob Hanning“, durch seine Doppelfunktion als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes übermäßig beansprucht, „muss sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren. Hinten rauskommen soll eine Mannschaft, die in Europa Handball spielt und Spaß macht“. Mit dem Ergebnis ist er jetzt zufrieden: „Das neue Blut wird der Mannschaft gut tun“, verweist er auf die mit den Wechseln vollzogene Verjüngung, „ich glaube, wir sind damit besser als in diesem Jahr.“

Ziel Europa nicht aufgegeben

Und diese Saison ist ja auch mit Rang zehn nicht abgeschlossen. Er glaube zwar nicht, dass die aktuelle Mannschaft es schaffen könne, sich in der Bundesliga auf einen der Europacup-Ränge vorzukämpfen. Doch es bleibt die Möglichkeit, entweder den EHF-Cup zu gewinnen oder mindestens ins Finale um den DHB-Pokal einzuziehen und sich auf diese Weise einen Platz im internationalen Geschäft zu sichern. „Ich erwarte von der Mannschaft, eine dieser Aufgaben zu lösen“, fordert Hanning. Man merkt ihm an, am liebsten würde er jetzt die Tankstelle verlassen und gleich wieder Fahrt aufnehmen. Und wie früher das Scheinbar Unmögliche möglich machen.