Auszeichnung

Zeit für eine neue Nummer eins

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Lars Wallrodt

Messi, Ronaldo oder Neuer? Der deutsche Torwart hat viele Fürsprecher bei der Wahl zum Weltfußballer

Das CIES Football Observatory, eine Tochterfirma des International Centre for Sports Studies, rühmt sich, einen „exklusiven Algorithmus“ gefunden zu haben, mit dem der Wert eines Fußballers zu ermitteln ist. Das unabhängige Schweizer Forschungsinstitut ist 1995 vom Weltverband Fifa, dem Kanton Neuchatel und dessen Universität gegründet worden und berechnet seitdem jährlich, wer der kostbarste Spieler der Welt ist. Über 1500 Spielerwechsel seit 2009 berücksichtigt das CIES dafür und kombiniert sie mit Parametern wie Alter, Trefferquote, Qualität der Wettbewerbe etc. Herausgekommen ist dieses Jahr ein Ranking mit überraschenden Werten.

So wird es wohl nicht nur Cristiano Ronaldo wundern, dass ihm Lionel Messi komplett enteilt ist. Während der Argentinier mit einem Wert von 220 Millionen Euro einsam an der Spitze steht, ist der Portugiese mit 133 Millionen Euro abgeschlagen Zweiter. Manuel Neuer liegt gemeinsam mit seinem Teamkollegen Jerome Boateng auf Rang 31. Je 35 Millionen Euro sind die beiden wert. Anders ausgedrückt: Für einen Messi gibt es sechseinhalb Neuers, für einen Ronaldo immerhin noch knapp vier. Das verwundert dann doch, schließlich kämpfen die drei um den begehrtesten Einzeltitel im Fußball: den Ballon d’Or für den Weltfußballer des Jahres, der am Montag in Zürich vergeben wird.

Kahn kam 2002 am weitesten

Es ist überhaupt erst das zweite Mal, dass ein Torwart unter die ersten Drei kommt. Seit 1991 wird der Titel vergeben, noch nie ging er an einen Schlussmann. Oliver Kahn kam ihm am nächsten und wurde 2002 Zweiter hinter dem Brasilianer Ronaldo. Doch Manuel Neuer ist kein normaler Torhüter. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien revolutionierte er das Spiel mit seinen Ausflügen über die Strafraumgrenze. Seine Paraden sicherten Deutschland den Titel. Und auch seine Leistungen für den FC Bayern waren überragend.

Für Matthias Sammer kann der nächste Weltfußballer nur Manuel Neuer heißen: „Gehört der Torhüter zu einer Mannschaft oder nicht? Wenn er dazugehört, dann gibt es nur einen, der gewinnen kann, und das ist er. Wenn er es jetzt nicht werden kann, als Weltmeister und wie er das Turnier gespielt hat, dann weiß ich auch nicht mehr.“ Münchens Sportvorstand begründet dies wie folgt: „Manuel, wenn man ihn rein sportlich analysiert, ist einzigartig, weil er mit dem Ball, dem Fuß, seiner Dynamik, seiner Körperkonstitution, seiner Bescheidenheit, seiner Persönlichkeit ein komplettes Bild zeigt, was es so vielleicht noch nicht gab.“

Sogar Diego Maradona stellt sich gegen seinen Landsmann Lionel Messi und sagt: „Nicht Messi und auch nicht Ronaldo, sondern Neuer verdient den Ballon d’Or am meisten. Ronaldo und Messi haben sich eine Auszeit genommen.“ Das Wort „Auszeit“ mag überzogen sein angesichts der Leistungen der beiden Ausnahmespieler. Doch Maradona führt mit seinem Plädoyer eine breite Front von Fürsprechern an, die den ersten Weltfußballertitel für einen Torwart fordern.

Auch Andrej Schewtschenko, der frühere ukrainische Weltklassestürmer, 2004 Dritter bei der Weltfußballerwahl, ist pro Neuer: „Er ist nicht nur ein fantastischer Torhüter, sondern er war in allen Belangen fantastisch. Er hat nicht wie ein traditioneller Torwart gespielt, er war auch der letzte Mann in der Abwehr. Er hat am Spielaufbau teilgenommen, den Verteidigern enorm geholfen und stand bei der WM in der Gewinnermannschaft.“ Auch Ronaldo und Messi seien großartige Spieler, „aber meine Wahl ist Neuer. Er war das gesamte Jahr überragend“.

Sogar in höchsten Verbandskreisen genießt die deutsche Nummer eins höchsten Respekt. Offiziell äußern dürfen die Oberfunktionäre sich ja nicht. Als Weltverbandschef Sepp Blatter auf einem Termin über die Vorzüge von Neuer philosophierte, ging prompt Carlo Ancelotti in die Luft. Real Madrids Trainer wähnte seinen Schützling Ronaldo benachteiligt und warf sich schützend vor ihn. Als er aufgeklärt wurde, dass der Fifa-Präsident sich mitnichten für Neuer als besten Fußballer 2014 ausgesprochen, sondern nur dessen WM-Leistung gelobt hatte, entschuldigte sich Ancelotti kleinlaut.

Präsident Michel Platini vom europäischen Verband Uefa wollte ebenfalls offiziell natürlich keine direkte Stimmempfehlung abgeben. Indirekt aber schon. „Vom Prinzip her sollte es ein Spieler sein, der bei der WM einen großen Auftritt hatte. Deshalb sollte es in diesem Jahr ein Deutscher werden“, sagte er und legte sich damit ja doch fest. Cristiano Ronaldo jedenfalls nahm ihm diese Worte so übel, dass er Platini nach dem Finale der Klub-WM den Handschlag verweigerte.

Schön, wer hingegen frei seine Meinung äußern kann. Joachim Löw mag nicht ganz unparteiisch sein, doch für den Bundestrainer steht es außer Frage, wer den Ballon d’Or bekommen sollte. „Ich hoffe, dass Manuel diese Auszeichnung bekommt. Er hat eine neue Dimension dieses Spiels geprägt“, sagte Löw, der am Montag mit Ancelotti und Diego Simeone von Atletico Madrid um den Titel des weltbesten Trainers kämpft. Für Nationalspieler Thomas Müller wäre „die Variante, dass Ronaldo den Titel holt, ja fast schon langweilig“. 2013 gewann der Portugiese vor Messi, in den beiden Jahren davor war es umgekehrt.

Für den ehemaligen Coach Ottmar Hitzfeld ist es höchste Zeit, eine Nummer eins zur Nummer eins zu machen: „Es wäre an der Zeit, einem Torwart diese Ehre zu geben. Neuer hat das Spiel auf seiner Position auf eine andere Dimension gehoben durch sein offensives Verteidigen als Libero. Er ist der Prototyp des modernen Torwarts. Er hat es verdient.“

Sogar im Handballlager wird die Wahl rege diskutiert. Nikola Karabatic, der Welthandballer des Jahres 2007 und früherer THW-Kiel-Star, ist in der Zwickmühle. „Ich würde ja gern Lionel Messi sagen, weil ich im selben Verein spiele, aber das wäre dann wohl nicht sehr objektiv. Mit dem Herzen würde ich Messi wählen, mit dem Verstand aber Neuer.“