Interview

„Mein Anspruch ist, immer Weltklasse abzurufen“

Spielmacher Kraus über sein Comeback im Nationalteam und die Handball-WM in Katar

Mit den Länderspielen gegen Tschechien am Freitag in Stuttgart (20.15 Uhr, Sport 1) und Sonnabend in Mannheim (16.45 Uhr, ARD) beendet die deutsche Handball-Nationalmannschaft ihre Vorbereitung auf die WM vom 15. Januar bis 1. Februar in Katar. Einer der Kandidaten, die noch um einen der 18 WM-Plätze kämpfen, ist Michael Kraus, 31. Der Spielmacher wurde für den Abschlusslehrgang in Stuttgart überraschend nachnominiert. Bundestrainer Dagur Sigurdsson macht dem erfahrensten Feldspieler im Aufgebot (118 Länderspiele, 391 Tore) große Hoffnungen, zumal ein anderer Mittelmann ausfällt: Tim Kneule, Teamkollege von Kraus bei Frisch Auf Göppingen, wird aufgrund von muskulären Problemen im Oberschenkel nicht mit zur WM reisen.

Berliner Morgenpost:

Nach dem verlorenen WM-Play-off gegen Polen und gut vier Monate nach dem Freispruch vom Vorwurf eines Dopingkontrollvergehens stehen Sie vor Ihrem Comeback in der Nationalmannschaft. Mit welchen Gefühlen?

Michael Kraus:

Ich freue mich total, wieder dabei zu sein. Und ich bin nicht angereist, um die Jungs zu sehen und ein paar Trainingseinheiten zu machen. Ich möchte mit nach Katar. Dafür haue ich alles in die Waagschale. Die Gefahr dabei ist, dass ich eher zu viel als zu wenig Gas gebe.

Wie und auf welcher Position können Sie der Mannschaft am besten helfen?

Prinzipiell sehe ich mich als Mittelmann. Aber auch Rückraum links geht ohne Probleme. Da ich wieder fit bin, kann ich der Mannschaft sicher nicht nur mit meiner Erfahrung helfen. Ich glaube, dass ich die nötigen Lücken in die gegnerische Abwehr reißen kann. Mein Anspruch ist, immer Weltklasse abzurufen.

Sie wurden bei drei Dopingkontrollen in 2014 nicht angetroffen und danach vorläufig gesperrt. Es folgte ein Freispruch durch das Sportgericht, aber die Nationale Anti-Doping-Agentur hat Einspruch eingelegt. Belastet Sie das schwebende Verfahren?

Nein, das habe ich ausgeblendet. Jetzt steht nur noch die WM im Fokus.

Wie oft wurden Sie seither kontrolliert?

Seit meiner Hochzeit im September einmal.

Wieder so früh am Morgen wie nach der Hochzeitsnacht?

Ja, wieder so früh. Ich bin der Meinung, für so eine Kontrolle muss man nicht schon um 5.58 Uhr klingeln.

Sie werden oft als Bruder Leichtfuß beschrieben, der manchmal nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit zur Sache geht. Einer, der manchmal zwischen Genie und Wahnsinn schwankt. Wie gehen Sie mit dieser Einschätzung um?

Damit kann ich leben. Ich kann gut einstecken, aber auch gut austeilen. Ich bin verheiratet, habe ein zweieinhalb Monate altes Töchterchen (Zoe Helene, d. Red.) und trage mehr Verantwortung als früher. Ich glaube, ich habe mich inzwischen deutlich verändert, auch wenn man seinen Charakter nie komplett ändern wird.

Auch die Nationalmannschaft hat sich verändert, ist wesentlich jünger geworden. Was erwarten Sie bei Ihrer vierten WM von dieser Truppe?

Die Mannschaft ist zwar jung, aber das muss kein Nachteil sein. Die WM wird lang und hart. Die Kunst ist, die richtige Balance zu finden. Wir müssen alle eine Schippe drauflegen. Wenn wir gut ins Turnier kommen, ist vieles möglich.

Was konkret?

Wir haben eine schwere Gruppe mit den favorisierten Dänen und Polen sowie den Russen und Argentiniern. Klar, wenn wir uns in einen Rausch spielen, können wir auch Dänemark schlagen. Aber unser Minimalziel ist in jedem Fall das Viertelfinale.