Fußball

Ein unerfülltes Versprechen

Warum Hany Mukhtar bei Hertha nur auf der Tribüne saß, nun aber zu Topklub Benfica will

Höflich ist Hany Mukhtar immer geblieben. Mit einem Lächeln antwortete der 19-Jährige, als er am Donnerstag nach dem Training vom Schenckendorffplatz schritt und um ein Interview gebeten wurde. Er dampfte im kalten Sprühregen. Mukhtar legte die Hand auf die Schulter des Fragenden: „Es gibt nichts Neues!“ Und ging.

Das Ringen um Herthas größtes Talent ist noch immer nicht entschieden. Mukhtar zwar wird seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bei den Berlinern nicht verlängern und will zu Benfica Lissabon wechseln – gern schon in diesem Winter. Das will auch Benfica. Doch der portugiesische Meister hat weiterhin kein Angebot hinterlegt. Also trainiert Mukhtar vorerst weiter in Berlin und lehnt Interviews ab, bis der Wechsel offiziell ist – höflich, natürlich.

Doch was ist eigentlich schief gelaufen zwischen Hertha und dem Kreativspieler? Warum saß der deutsche U19-Europameister eine Hinrunde lag nur auf der Tribüne, während das Team gerade im Kreativbereich allerhand Probleme hatte? Wie kommt es, dass einer, der es bei Hertha bisher nicht schaffte, nun von einem der größten Klubs der Welt verpflichtet wird?

Treffen mit Luhukay im Sommer

Es gibt immer mindestens zwei Seiten einer Geschichte. Beide haben bei dieser aber den gleichen Ausgangspunkt: Düsseldorf. Nach Morgenpost-Informationen trafen sich dort Mukhtar und Herthas Trainer Jos Luhukay in der Sommerpause am Flughafen zum Gespräch. Es ging um Mukhtars Zukunft. Der Deutsch-Sudanese, der im Juli bei der U19-EM in Ungarn durch sein Siegtor im Finale gegen Portugal das erste Mal im bundesweiten Rampenlicht stand, hatte ein Angebot vom Zweitligisten RB Leipzig und wollte es annehmen. Luhukay erklärte, warum Hertha ihn nicht abgeben werde, dass er auf ihn setze und sich wünsche, dass Mukhtar seinen Vertrag verlängert.

Es kam anders. Mukhtar stand kein einziges Mal in der Hinrunde auf dem Feld, obwohl mit Alexander Baumjohann und Tolga Cigerci zwei Kreativspieler verletzt ausfielen und der dafür neu geholte Jens Hegeler die Erwartungen nicht erfüllte. „Wir haben immer wieder an Hany gedacht, aber keinen Grund gefunden, ihn spielen zu lassen“, erklärte Luhukay am Donnerstag. Das heißt letztlich nichts anderes, als: Der Spieler hat im Training nicht gezeigt, dass er besser ist als andere im Team. Dazu kam, dass Hertha von Beginn dieser Spielzeit an völlig instabil auftrat. „Man muss die Gesamtsituation sehen“, sagte Luhukay. „Junge Spieler wie Hany reinzubringen, wenn das Gerüst fehlt, ist schwer. Es hat also nicht mit Hany allein zutun, sondern auch mit der gesamten Mannschaft.“

Mukhtar hat großes Potenzial, aber auch einige Defizite – fehlende Torgefahr und schwache Defensivarbeit. Das ist die interne Sicht. Luhukay glaubte, dass der Mittelfeldspieler nur etwas mehr Zeit brauche, dann aber sehr wichtig werden würde. „Dass ein junger Spieler aber auch ungeduldig wird und mehr spielen will, kann ich ebenso verstehen“, sagte der Trainer. Der Plan ging daher nicht auf: Mukhtar war für Hertha ein großes Versprechen. Der Anhängerschaft bot er eine Projektionsfläche für all die Sehnsüchte, dass es ein gebürtiger Berliner aus dem eigenen Nachwuchs bis in die erste Elf schafft. Mukhtar sollte eine Identifikationsfigur werden. Eine, die bleibt und nicht woanders das eigene Glück sucht wie frühere, vielversprechende Nachwuchsspieler. Nun wird er gehen, und bei vielen Fans ist der Ärger groß.

Zu jener Geschichte gehört aber auch das Wirrwarr um Mukhtars Berater. Erst ließ er sich von Jörg Neubauer vertreten, später von Dirk Hebel von Sports total, eine der größten Agenturen auf dem deutschen Markt (Kroos, Reus, Götze). Um das Dortmund-Spiel Anfang Dezember herum sollte ein eigentlich ausgehandelter Vertrag zur Verlängerung mit der Aussicht, danach ausgeliehen zu werden (diesen Plan gab es seit vielen Monaten auf beiden Seiten), unterschrieben werden. Mukhtar ließ den Termin platzen und erklärte später, nicht mehr von Sports total vertreten zu werden. Die Vertragsverlängerung lehnte er nun ab. Offiziell vertritt ihn seither ein Familienmitglied. Die Frage ist nur, wie in dieser Konstellation ein Kontakt zu einem Klub wie Benfica Lissabon zustande gekommen sein soll. Fest steht, dass das Versprechen, das Mukhtar für Hertha war und andersrum Hertha für Mukhtar, wird jeweils unerfüllt bleiben. Nach Morgenpost-Informationen wartet Benfica aktuell nur noch ab, weil man kaum Ablöse zahlen will. Hertha dagegen geht es darüber hinaus um Anteile an einem möglichen Weiterverkauf.

Obwohl Mukhtar der Durchbruch bei Hertha noch nicht gelungen war, plant Benfica, Dauergast in der Champions League, mit ihm für die erste Mannschaft – und nicht für das B-Team, wie bei Christopher Schorch und Real Madrid damals 2007. Man sei von seinen Qualitäten vollstens überzeugt, heißt es aus dem Umfeld des Klubs. Dass Mukhtar noch im Januar wechseln soll, zeigt auch der Umstand, dass er bereits am Wochenende den Medizincheck in Lissabon absolvierte. Würde Benfica erst im Sommer mit ihm planen, müsste dieser dann wiederholt werden. Mukhtars Abgang steht also bevor. Ob es die richtige Entscheidung für ihn ist, wird erst die Zukunft zeigen.