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Reich werden in der Kneipe

Barry Hearn brachte Darts und Snooker groß raus. Nun will er es mit Tischtennis versuchen

Im Teich von Barry Hearn schwimmen 61 Karpfen. Zur Sicherheit ist jeder elektronisch gescannt, doch Hearn erkennt sie alle mit bloßem Auge. Manchmal trifft er sich draußen auf dem Land in Essex mit seinen Freunden zum Fischen, und wer einen herauszieht, darf ihm zur Belohnung einen Namen geben. „The Power“ ist so einer, herausgeholt von Phil Taylor. Der 54-Jährige hat Hearn mehr als nur die Namenspatenschaft für einen Fisch zu verdanken. Ohne ihn würde sich Taylor heute weiter als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen. Dank Hearn aber ist Taylor ein britischer Sportheld, 16-facher Darts-Weltmeister und Multimillionär.

Hearn hat Darts die Relevanz gegeben, die bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Weltmeisterschaft mal wieder eine neue Stufe erreichte. In Großbritannien seit Jahren ein Massenphänomen, erobert das Turnier nun das Festland. In den Niederlanden und Deutschland saßen in der Spitze jeweils bis zu zwei Millionen Zuschauer vor dem TV. Nach seinem Einstieg als Chairman der Professional Darts Corporation (PDC) 2001 benötigte er keine zehn Jahre, um das Saison-Preisgeld auf mehr als sechs Millionen Euro zu verzehnfachen. Hearn brachte das monotone Werfen in die TV-Primetime, vermarktete lokale Kneipenhelden zu Stars und machte Darts salonfähig. Der 65-Jährige drehte an Lautstärke- und Farbregler und rundete das bunte Spektakel mit leicht bekleideten Damen ab. „Darts ist Arbeiterklasse-Golf“, sagt er. Jeder Werfer hat eigenen Kampfnamen, Logo und Einmarschlied.

Ein Muster, das nun auch bei seinem jüngsten Projekt funktionieren soll. Im Londoner Alexandra Palace, wo zuletzt die Pfeile flogen, werden sich am 24. und 25. Januar 64 Tischtennisspieler aus aller Welt einfinden und um mehr als 100.000 Dollar Prämien spielen. Eine typische Hearn-Veranstaltung mit Einlaufmusik, Spotlights und den bekannten Fangesängen. Zudem wieder mal ein massenkompatibler Sport, für den kein aufwändiges Equipment benötigt wird. „Unsere Sportarten funktionieren auf der ganzen Welt, weil sie jeder spielt“, erklärt Hearn, der die Athleten bei der World Championship of Ping Pong mit puristischen Schlägern antreten lässt. Beklebt sind sie mit Sandpapier statt Gummibelag. Clickball nennen sie das. „300 Millionen Menschen spielen Pingpong. Warum können wir den Sport nicht zum nächsten Darts machen?“, fragt Hearn.

Pingpong mit Einheitsschläger

Darts war sein überraschendster Erfolg, aber längst nicht sein erster. Anfang der Neunziger war er der erfolgreichste Boxpromoter auf der Insel, betreute damals auch Graciano Rocchigianis WM-Gegner Chris Eubank. Vor allem aber hat es der Mann aus Dagenham, Essex geschafft, Nischensportarten groß zu machen. Seine Firma Matchroom Sports produziert mehr als 2000 Stunden TV-Sport. Jährlich. „Er kommt immer wieder mal mit einer hirnrissigen Idee, und du lachst ihn aus. Aber dann denkst du irgendwann: Hey, es könnte funktionieren“, sagt sein Sohn Eddie. Fünf bis sechs neue Ideen entwickeln sie bei Matchroom pro Jahr. Viele scheitern, weil TV-Programmchefs oder Sportler Hearns Begeisterung nicht teilen. Ansonsten wäre etwa „Die verrückte Golf-WM“ aus der Taufe gehoben worden. Ein Wettkampf der weltbesten Golfer auf Minigolfbahnen. „Tiger Woods beim Abschlag durch die Windmühle – wie bizarr wäre das?“, fragt Hearn und lacht. Barry Hearn ist ein Verkäufer – vom schlohweißen Scheitel bis zur Sohle.

Bereits im Kindesalter bot der Sohn eines Busfahrers und einer Reinigungskraft sich und seine Freunde für kleinere Arbeiten an: Autowaschen, Fensterputzen, Babysitting, Gartenarbeiten: „Ich wollte immer schon das Haus auf dem Hügel. Und ich war mir nicht zu schade, dafür zu arbeiten.“ Mit 25 Jahren kauft er in Romford, Essex, einen Snooker-Klub. Kurz darauf wird der Sport Mainstream, und die Leute rennen Hearn die Bude ein. Er veranstaltet Turniere und entdeckt Steve Davis. 1981 gewann der Londoner den ersten von sechs Weltmeistertiteln. Als sein Spieler Dennis Taylor 1985 Weltmeister wurde, schauten 15 Millionen Briten im TV zu. Hearn hatte binnen kurzer Zeit alle Topspieler unter Vertrag genommen und wurde zu „Snookers Mister Big“. Heute treibt er als Vorsitzender des Weltverbandes die Entwicklung vor allem auf den asiatischen Markt voran. Mehr als zehn Millionen Euro werden jährlich an Preisgeld ausgeschüttet. Tendenz: steigend. „In Shanghai gibt es mittlerweile mehr Snookerklubs als im Rest der Welt zusammen“, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch.

„Barry hat diesen Enthusiasmus, der abfärbt“, beschreibt Davis, wie dessen Söhne Greg und Jack Namensgeber eines der Exemplare in Hearns Karpfenteich. Das Angeln ist Hearns größte Passion. Angesichts seines beruflichen Leitmotivs („Ich vermarkte nur das, was ich auch selbst mag“) logisch, dass er auch eine Wettkampfserie im Fischen startete, die jährlich in „Fish’O’Mania“ mündet, dem mittlerweile größten Angel-Event der Welt.

Selbst Angeln wird zum Event

Am 12. Juli geht der zweitägige Wettbewerb in Cudmore in seine 22. Auflage. Das Fernsehen überträgt sechs Stunden live. Der Sieger des Einzelwettbewerbs erhält 30.000 Pfund.

Hearn selbst hat Millionen gemacht. Sohn Eddie und Tochter Katie sitzen längst in Führungspositionen bei Matchroom. Er hat Leyton Orient, seinen Lieblingsfußballklub, gekauft, wurde in die Hall of Fame des Boxens aufgenommen. Die BBC widmete dem „Schlitzohr, Verkäufer, Charmeur und Opportunist“ ein Porträt. „Er hat dem einfachen Mann auf der Straße mehr Unterhaltung gebracht als irgendjemand anders“ sagt Davis. Ein Ende ist nicht in Sicht, auch wenn er sich nach einem Herzinfarkt häufiger als früher Auszeiten am Teich nimmt: „Ich bin ein Showman. Und ich mag Leute nicht, die mir erzählen, was sie mal machen wollten oder vielleicht tun werden. Mach es, oder halt die Klappe!“