Interview

„Das hinterlässt ein ungutes Gefühl“

Berlins bester Läufer Carsten Schlangen blickt kritisch auf seine Karriere zurück – nicht nur wegen des Dopingproblems

Carsten Schlangen kann auf eine erfolgreiche Karriere in der Leichtathletik zurückblicken. Der geborene Meppener, der zum Architekturstudium 2001 nach Berlin kam, gewann im Trikot der LG Nord Berlin über seine Spezialstrecke 1500 Meter, über 3000 Meter und mit der 3x1000-Meter-Staffel insgesamt 16 deutsche Meistertitel. Schlangen, der am Silvestertag 34 Jahre alt wird, startete bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften. Sein größter Erfolg war Platz zwei bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona. Im Interview spricht er über Fehler des Verbandes bei der Spitzensportförderung, duale Karrieren und Doping in der Leichtathletik.

Berliner Morgenpost:

Herr Schlangen, Sie haben vor einigen Wochen Ihre Karriere beendet. Kam denn schon Wehmut auf?

Carsten Schlangen:

Ich frage mich schon, wie das erst wird, wenn die Saison richtig los geht. Ehrlich gesagt kam schon jetzt etwas Wehmut auf, als die ehemaligen Kollegen dorthin ins Trainingslager gefahren sind, wo ich am liebsten war: nach Südafrika. Aber im Januar fahre ich mit meiner Freundin dorthin und kann dann zum ersten Mal alles ohne Leistungsdruck genießen.

Als inzwischen nicht mehr direkt Betroffener – wie sind denn die Doping-Enthüllungen über die russischen Leichtathleten bei Ihnen angekommen?

Was mich besonders schockiert hat an dem Fernseh-Beitrag, ist das Ausmaß.

Hat das alles Sie wirklich überrascht?

Jetzt kann man nicht mehr davon ausgehen, dass es nur einzelne schuldhafte Sportler sind, sondern es scheint insgesamt ein schuldhaftes System zu sein. Und dass es offenbar hineingeht bis in Wada- (Anm. d. Red.: Welt-Anti-Doping-Agentur) und IAAF- (Leichtathletik-Weltverband) Kreise, das ist wirklich krass. Offenbar gibt es, auch wenn die Leichtathletik zunehmend zu einem Amateursport wird, immer noch genügend Sportler, die durch Abhängigkeiten, eigenen übersteigerten Ehrgeiz oder Druck eines Systems für Doping anfällig sind.

Bei dem ganzen Doping-Sumpf bleibt doch nur Wut.

Für mich ist es eher eine große Enttäuschung. Ich hatte als Aktiver immer das Gefühl, dass es schön ist, sich mit anderen Sportlern zu messen und zu sehen, wie weit die eigenen Talente und die Bereitschaft zu hartem Training reichen. Jetzt festzustellen, dass es vielleicht eine Menge Sportler gegeben hat, die das nicht so gemacht haben, hinterlässt ein ungutes Gefühl. Da geht mir schon der Gedanke durch den Kopf: Vielleicht hätte ich ja doch mein Ziel erreichen können, einmal ins Finale bei einer WM oder Olympischen Spielen zu kommen. Es war oft knapp genug. In Peking 2008 haben mir lediglich 17 Hundertstel gefehlt.

Kennen Sie die russische 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa, deren Enthüllungen den ARD-Bericht stützen?

Nicht persönlich. Aber ich denke, dass sie und ihr Mann sehr viel riskiert haben, um das Betrugssystem in Russland zu dokumentieren. Das war sehr mutig. Mit einem Handyvideo zeigte sie, wie Marija Sawinowa, die 800-Meter-Olympiasiegerin von London 2012, offen über ihre Dopingpraktiken, etwa die Einnahme des Anabolikums Oxandrolon sprach. Ich erinnere mich noch sehr genau an dieses Finalrennen 2012. Ich habe gedacht: Das ist ja schon komisch, dass starke Konkurrentinnen wie die Südafrikanerin Caster Semenya oder die Kenianerin Pamela Jelimo überhaupt keine Chance gegen Marija Sawinowa haben. Da lagen Welten zwischen der Russin und den anderen Läuferinnen.

Ist Ihnen selbst mal so etwas passiert?

Ja, 2008 in Peking. Damals war es das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, so könnte Doping wirken, als ich mit Rashid Ramzi im Vorlauf stand.

Der gebürtige Marokkaner, der für Bahrain startet und im Finale Gold gewann. Später wurde er jedoch des Epo-Dopings überführt, die Medaille wurde aberkannt, er gesperrt.

Ich war etwa 150 Meter vor dem Ziel noch auf Tuchfühlung mit ihm – und im Ziel war er, obwohl ich auch auf den letzten Metern sehr gut gelaufen bin, mehr als drei Sekunden schneller als ich. Ich konnte es einfach nicht glauben.

Wie war denn das Gefühl, wenn sich viele argwöhnisch beäugen, nach dem Motto: Ist der andere so sauber wie ich?

Das kann man natürlich nicht immer beiseite drängen. Aber verrückt habe ich mich deshalb nicht gemacht. Für mich ging es primär darum, meine eigenen Grenzen auszuloten. Sicherlich gab es Leistungen und sprunghafte Steigerungen von anderen, bei denen ich dachte, das ist aber verdächtig. Das ärgert einen natürlich. Aber auch bei mir gab es Leistungssteigerungen, die sich nicht erklären lassen. Da dachten andere bestimmt auch: Was ist das denn? Von daher bin ich vorsichtig mit Verdächtigungen.

Sie sind ein Paradebeispiel für eine duale Karriere: Als erfolgreicher Athlet haben Sie gleichzeitig studiert und Ihr Examen in Architektur abgeschlossen. War es für Sie keine Option, sich bei der Bundeswehr oder Bundespolizei zu verpflichten, um sich auf den Sport konzentrieren zu können?

Nein, nie. Beide Arbeitgeber waren für mich nicht so attraktiv, dass sie dem entsprochen hätten, wie ich ticke. Ich habe den Wehrdienst verweigert, Ersatzdienst in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen geleistet. Zur Polizei wollte ich auch nicht wirklich. Überhaupt finde ich die Konstellation in Deutschland sehr fragwürdig. Ich wünsche mir eine von solchen Institutionen unabhängige öffentliche Sportförderung. Ich kenne Sportler, die bei der Bundeswehr, Polizei oder Bundespolizei arbeiten und sagen: Eigentlich hasse ich meinen Job. Das kann nicht Sinn und Zweck einer staatlichen Förderung sein.

Was sollte sich ändern?

Eines meiner Hauptargumente für eine duale Karriere ist, dass Sportler niemals in eine Sackgasse geraten und dann gezwungen sind, Entscheidungen zu treffen, die sie so nie treffen wollten. Es gibt sicherlich zahlreiche Sportler, die an einem gewissen Punkt ihrer Karriere sind und wissen, dass es so nicht weitergeht. Beispielsweise, wenn die Leistung stagniert oder ein gewisses Lebensalter erreicht ist. Es sollte aber so sein, dass ein Sportler jederzeit sagen kann: Hey, es ist überhaupt nicht schlimm aufzuhören.

Für manche schon.

Sicherlich kann ich dann mein reizvolles Sportlerleben nicht mehr weiterführen, aber ich kann ein normales, geregeltes Leben in einem schönen Beruf meiner Wahl führen und habe dort auch meine Ziele. Wenn so etwas langfristig aufgebaut wird, ist das für mich deutlich mehr wert, als fünf, zehn oder vielleicht sogar 20 Jahre in einen Sportler zu investieren, der dann am Ende vielleicht als Hartz-IV-Empfänger weiterhin von der Öffentlichkeit unterstützt werden muss.

Eine duale Karriere schafft nicht jeder.

Sicherlich nicht. Die Belastungen sind nicht unerheblich. Fest steht aber, eine duale Karriere ist die Grundlage dafür, dass ein Sportler auch nach der Karriere abgesichert ist und Träume verwirklichen kann. Es ist nicht richtig, wenn Verbandstrainer den Sinn einer dualen Karriere öffentlich anzweifeln und sich stattdessen mehr „Mut zum Risiko“ wünschen. In wünsche mir für die Zukunft mehr Engagement von Seiten des Verbandes in diesem Bereich. Vielleicht sollte der Verband auch darüber nachdenken, eine Stelle zu schaffen, die studierenden Leichtathleten hilft, die Belastungen der dualen Karriere optimal zu gestalten.

Wie haben Sie denn die Doppelbelastung geschafft?

Die Technischen Universität Berlin ist mir immer wieder sehr entgegen gekommen, zum Beispiel mit der Verschiebung von Terminen und Klausuren. Diese Möglichkeiten stehen nicht jedem zur Verfügung, das war herausragend, dafür bin ich dankbar. So konnte ich mir meinen eigenen Weg zum Examen gestalten. Aber es gab natürlich sehr viele Situationen, wo der Tag so unglaublich voll war, dass weder das eine noch das andere richtig funktioniert hat.

Die Lösung?

Ich habe Freiräume im Sport, wie etwa in der Nachsaison, maximal genutzt, um mit meinem Studium voran zu kommen. Ich habe nicht nur kurz vor der Prüfung gelernt, sondern eher durchgängig. Mein Hauptstudium habe ich etwas gestreckt. Wenn es eng wurde, habe ich auch schon mal Unterlagen mit ins Trainingslager mitgenommen.

Und, was haben Sie gelernt?

Multitasking in jedem Fall. Andererseits aber auch die Fähigkeit zur Fokussierung. Ich habe gelernt, mir die Kräfte richtig einzuteilen und vorausschauend zu arbeiten mit der gewissen Reserve für den Schlussspurt.

Werden Sie der Leichtathletik verbunden bleiben?

Mit Sicherheit, ich würde mich gerne einbringen. Zurzeit mache ich gerade meine Trainer-C-Lizenz. Mal sehen, was sich daraus mal ergibt. Es gibt viele Dinge, die ich mir vorstellen könnte. Es hängt aber auch davon ab, ob es gewollt ist oder nicht.

Vom Verband?

Momentan habe ich das Gefühl, dass dort einige Leute froh sind, dass ich nicht mehr dabei bin. Ich finde es zum Beispiel schade, dass einem zwar dreimal ein Anti-Doping-Abmeldeformular zugeschickt wird, verbunden mit der Aufforderung, man möge doch hier unterschreiben und sein Karriereende endlich bestätigen. Es gab aber kein Schreiben, in dem mir der DLV für zehn erfolgreiche Jahre in der Nationalmannschaft gedankt hat. Da habe ich bis heute nichts gehört, das ist enttäuschend. Der Berliner Verband hatte sich sofort gemeldet, das fand ich klasse.

Rückblickend, war es richtig, dass Sie sich für den Leistungssport entschieden haben?

Ja, ohne Wenn und Aber. Natürlich gibt es aus heutiger Sicht Dinge, die ich nicht richtig gemacht habe, das gehört dazu. Wenn man erklärt, man habe alles richtig gemacht, hat man in der Summe zu viel falsch gemacht. Leistungssport ist eben immer extrem. Und Enttäuschungen gehören einfach dazu. Aber ich kann sagen: Ich habe meinen Traum gelebt.