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Wunderkind mit eigenem Kopf

Mikaela Shiffrin hat mit 19 Jahren alles auf Skiern gewonnen und sucht nun neue Ziele

Zwei Winter lang schien es für Mikaela Shiffrin, 19, im alpinen Skiweltcup nur eine Richtung zu geben: aufwärts, gen Gipfel. Schon als Teenagerin ist die Amerikanerin Slalom-Olympiasiegerin, -Weltmeisterin, und -Weltcup-Siegerin geworden. Wie auf Schienen glitt die smarte Schülerin zu Tal, keine Konkurrentin vermochte ihr im Stangenwald zu folgen. In den USA nennen sie den eloquenten Jungstar „Sweetheart“, so charmant und witzig erscheint sie bei öffentlichen Auftritten.

Just zu Beginn dieses Winters, der im Februar mit den Heim-Weltmeisterschaften in Vail das nächste Highlight bietet, ist die Mission Durchmarsch jedoch ins Stocken geraten. 11, 6, 5, 10 – so lauteten nach dem Auftakterfolg in Sölden Ende Oktober ihre (immer noch respektablen) Platzierungen. Die erfolgsverwöhnte Athletin und ihre Trainer waren ins Grübeln gekommen.

„Was willst du jetzt noch erreichen?“, war Shiffrin nach den Winterspielen in Sotschi gefragt worden. Sie antwortete: „Es gibt noch vier andere Disziplinen, in denen ich gewinnen möchte. Ich liebe den Slalom. Aber ich möchte mich gern weiterentwickeln und sehen, was ich in den anderen Wettbewerben erreichen kann.“ Im Riesenslalom ist sie inzwischen auch siegfähig, gestern in Kühtai landete sie auf Rang drei (nach Führung im ersten Lauf). Und die Erweiterung ihres Rennportfolios auf den Super-G scheint nur eine Frage der Zeit. Und dann? Angriff auf den Gesamtweltcup?

Immer langsam mit den jungen Pferden, warnt Shiffrin. Wie andere Spezialistinnen hat auch sie erkennen müssen, dass die Ergänzung des Trainings um Speedfahrten zulasten der Sicherheit im Slalom geht. Die Balance (wieder) zu finden, darum ging es nun für sie.

Shiffrin scheint den Turnaround rasch zu schaffen, davon gehen sie im US-Skiverband fest aus. Zumal das Ausnahmetalent es an Arbeitsmoral beileibe nicht mangeln lässt. „Für einen Trainer ist eine Athletin wie Mikaela ein Geschenk“, schwärmt US-Alpindirektor Patrick Riml: „Es gibt einfach nichts anderes als Skifahren für sie. Und sie weiß genau, was sie tun muss, um gut zu werden. Ihre Einstellung, wie sie oben am Berg steht – da wird jeder Trainingslauf behandelt als wäre er ein Rennen.“

Für Szenekenner kam die Entwicklung der 1,70 Meter großen Technikerin nicht überraschend. Mit 15 debütierte Shiffrin im Weltcup, im vierten Rennen gewann sie erstmals Weltcuppunkte, dann 2012 mit 17 Jahren ihr erstes Weltcuprennen. Das WM-Gold 2013 wirkte wie eine logische Konsequenz. Andererseits: Was ist schon logisch, wenn eine Athletin noch Schülerin ist und eine Sportart betreibt, die selbst die Größten oft frühzeitig mit Verletzungen aus der Serie katapultiert?

Roland Pfeifer, 50, ist Techniktrainer im US-Skiverband. Als er Shiffrin erstmals traf, war sie 16. „Ich habe gleich erkannt, dass sie ein Unikum ist“, hat Pfeifer mal erzählt. „Sie weiß alles übers Skifahren. Der Art nach zu urteilen, wie sie trainiert und mit welchen Umfängen, ist sie wahrscheinlich schon 25.“

Piccabo Street, 43, die in den 90er-Jahren zu den weltbesten Alpinen gehörte, meint: „Mikaela Shiffrin ist ein tolles Vorbild für die nächste Generation und wird ein hervorragender Leader für das Team USA sein.“ Klingt nach einer beachtlichen Bürde in einem Alter, in dem andere 19-Jährige noch selbst Vorbildern nachzueifern suchen. Welchen Tipp aktuell Piccabo Street der aufstrebenden Nachfolgerin geben würde? „Skitechnisch braucht sie offenbar keinen Rat mehr. Sie sollte weiter an sich selbst glauben – und sie selbst bleiben.“

Vergleiche mag Shiffrin nicht. „Die nächste Lindsey Vonn“. „Die junge Tina Maze“. Sie fühle sich geehrt, aber: „Ich will Mikaela Shiffrin sein.“ Basta. Bislang klappt das hervorragend. Mit verblüffender Gelassenheit pariert sie alle Versuche der Vereinnahmung, auch die durch Lindsey Vonn. Deren Hilfsangebot nahm sie nie an. „Ich wollte Lindsey bloß nie mit kleinen Fragen belästigen, die ich selbst beantworten konnte. Also habe ich geschwiegen, beobachtet und gelernt.“ Mit Erfolg offensichtlich.