Wintersport

Absprung in ein neues Leben

Skispringer Thomas Morgenstern steht zu seiner Angst und erklärt nach Stürzen den Rücktritt

Als kürzlich in Kärnten der erste Schnee fiel, schaute die zweijährige Lilly ihren Vater mit großen Augen an und sagte: „Papa, auf Berg, Ski fahren.“ Der Mann, dem die Worte galten, heißt Thomas Morgenstern. Ein Athlet, der im Skispringen alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, für den Schnee gewissermaßen die Folie seines Lebens ist. In diesem Moment aber antwortete der Österreicher, den die ersten Flocken früher sehr nervös gemacht hätten, entspannt: „Auf den Berg können wir noch nicht, aber ich schiebe dich ein bisschen hin und her.“

Trainer loben seine Ehrlichkeit

Morgenstern ist gerade mal 28 Jahre alt, trotzdem seit Kurzem Skisprung-Rentner. Und das nicht ohne Grund. Der Aufstieg des Österreichers begann einst mit einem katastrophalen Sturz – und sie endete mit einem noch fataleren. Während seine ehemaligen Kollegen gerade in die Vierschanzentournee starten, genießt Morgenstern sein neues Glück nun fernab der Schanzen. Seine Geschichte ist dabei ein Paradebeispiel für die extremen Anforderungen, die Skispringer heutzutage zu bewältigen haben. Umso mehr Respekt erhält er in der Szene nach seinem Abschied. „Thomas ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. „Ich ziehe den Hut vor ihm, mit welcher Ehrlichkeit er mit den Folgen des letzten Sturzes und seinem Rücktritt umgeht.“

Rückblick ins Jahr 2003: Mit 16 Jahren gewinnt Morgenstern seinen ersten Weltcup, gilt als eines der größten Talente der Geschichte. Wenig später, beim Weltcup in Kuusamo/Finnland, hebt er ab, überschlägt sich in der Luft und knallt von hoch oben mit dem Rücken auf den eisigen Hang. Wie durch ein Wunder kommt er mit Prellungen davon. „Kuusamo war gewissermaßen der Start in meine Karriere und hat mir die Grenzen meines Sports aufgezeigt“, sagt er heute. Denn nicht der Wind allein war damals schuld, Morgenstern hatte auch zu viel riskiert.

Er beendete danach sein Draufgängerverhalten und fand die Balance zwischen Mut und Übermut, sprang in den kommenden Jahren von Erfolg zu Erfolg. Der Flur von Morgensterns Elternhaus hängt voll mit Fotos von Siegen: Olympiagold 2006, Sieger der Vierschanzentournee 2011, Gewinner des Gesamtweltcups, Weltmeister 2011. Dann kam der 10. Januar 2014, der Tag des Skifliegens am Kulm. Wieder fiel Morgenstern vom Himmel, schmetterte auf den eisigen Hang und schlitterte bewusstlos hinunter. Prellungen, Lungenquetschung, Gehirnblutung. Noch schwerer jedoch wogen die psychischen Folgen. „Das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass der Athlet anfängt zu denken“, sagt Christian Uhl, der als Psychologe auch mit österreichischen Springern zusammenarbeitet. „Das klingt paradox. Nicht zu denken, ist aber eine große Kunst, denn um nicht denken zu können, muss ich vorher ganz viel nachgedacht haben.“ Wenn der Autopilot eines Springers ausfällt, wenn das Vertrauen in die Fähigkeiten nicht mehr ausreicht, dann gehe nichts mehr in dieser Sportart. Skispringen sei ein ständiger Balanceakt am Limit. Hinzu komme, so Uhl, dass die Angst dann größer sei als der Mut. Fatal beim Skispringen.

Auch als Pilot hat er nun Probleme

Morgenstern schaffte nach dem Unfall das Unglaubliche, sprang 30 Tage nach seinem Sturz von der Olympiaschanze in Sotschi. „Ich bin extrem dankbar, dass ich noch am Leben bin“, sagte er. Aber auch: „Angst spielt bei mir wahrscheinlich mehr denn je eine Rolle.“ Er holte noch Silber mit dem Team. Im Frühjahr nahm Morgenstern dann das Training für diesen WM-Winter auf. Doch er hatte sie unterschätzt, diese Angst, die sich tief in seine Gedanken gefressen hatte. Und bald kam der Tag im September, an dem ihm klar wurde: „So kann ich nicht weitermachen. Ich möchte nicht die ganze Zeit mit der Angst im Magen springen.“

Er hatte ja alles erreicht, es gab keinen Berg, den er noch nicht erklommen hatte. „Ich habe eine Tochter daheim“, sagt Morgenstern, „für die möchte ich ein gesunder Papa sein und Zeit haben.“ Die Entscheidung, sagt er, sei ihm am Ende leicht gefallen. „Mir ist klar geworden, dass der Grat sehr schmal ist, dass mir wieder etwas passieren kann.“

Angst ist bei Risikosportarten wie dem Skifliegen oftmals ein Tabuthema. Die wenigsten gestehen sich das beklemmende Gefühl ehrlich ein. „Jeder Mensch hat Ängste, es ist nur wichtig, dass man sich ihnen stellt“, betont Morgenstern heute. „Aber jeden Tag am Limit zu sein – da zerstört man sich selbst.“

Die Angst hatte sich zunehmend auch in sein Leben abseits der Schanzen geschlichen. Morgenstern, der eine Helikopter- und eine Privatfliegerlizenz besitzt, bekam nach seinem Sturz auch Probleme als Pilot hoch oben in der Luft. Er lernte nach dem Rücktritt besser damit umzugehen, sich wieder sicher zu fühlen und zu vertrauen. „Allgemein ist das Angstlevel bei mir im Moment jedoch höher als früher, aber das wird zurückgehen“, sagt er.

Abschließen, Ruhe finden, und dann Möglichkeiten und Angebote diskutieren – so lautet sein Zukunftsplan. Und endlich mal Silvester im Kreis der Familie feiern. Das konnte er in den vergangenen zwölf Jahren nie, weil er stets am 1. Januar fit sein musste für das traditionelle Neujahrsspringen. Sein größtes Glück im neuen Leben aber ist die gewonnene Zeit mit seiner Tochter. „Zu sehen, wie sie wächst, wie sie sich entwickelt, ist wunderbar“, schwärmt Morgenstern. Der Sprung ins neue Leben scheint ihm zu gelingen.