Darts-WM

Vom Golf der Arbeiterklasse

Mit einfachen Leuten als Stars ist Darts zu einem Millionensport aufgestiegen

Erst erfüllt ein Donnern die Halle, dann Lichtblitze. 2500 Menschen halten den Atem an. Dann dröhnt seine Erkennungsmelodie aus den Boxen: „I’ve got the power!“ Der Spot kreist über der Menge, Kreischen, Hunderte Handykameras ragen über den Köpfen empor. Dann fällt das Licht auf einen kleinen Mann mit Maulwurfgesicht, dessen fülliger Körper in einem schwarzen Sportshirt steckt, die Unterarme mit Tattoos übersät. Flankiert von einer Blondine und Bodyguards marschiert er los: Phil „The Power“ Taylor.

Er ist 16-facher Weltmeister, bester Dart-Spieler aller Zeiten. „Es gibt nur einen Phil Taylor“, grölen die Zuschauer. Und: „Wir laufen durch das Taylor-Wunderland“, in Anlehnung an ein Weihnachtslied. Oder sollte man besser sagen: „Wir saufen durch das Taylor-Wonderland“? Das hier ist der Alexandra Palace, eine der größten Festhallen Londons, es ist die zweite Nacht der PDC-Dart-Weltmeisterschaft 2014. Die Stimmung ist wie beim Karneval, der Alkoholkonsum definitiv noch höher.

Trotzdem hat es Darts zum Magneten einer eventsüchtigen Gesellschaft geschafft. Das zeigt der Blick aufs Finanzielle: Gab es auf der Tour vor zehn Jahren 600.000 Euro zu gewinnen, sind es nun zehn Millionen. Die 32 Topspieler weltweit haben das Pfeilewerfen zum Vollzeitjob gemacht, so wie Taylor, der mit Prämien und Werbeeinnahmen rund zwei Millionen Euro im Jahr verdient.

„The Power“ wird sich heute Abend den besten deutschen Spieler vornehmen, Jyhan Artut, und er wird Kleinholz aus ihm machen. 100,57 Punkte wirft Taylor im Durchschnitt, schafft 60 Prozent Doppelpunkte, den Wurf in den schmalen äußeren Ring der Scheibe.

Es geht schnell, vor dem letzten Satz stürmt der 54-Jährige kurz von der Bühne, er ist sauer. „Jyhan sagt, die Scheibe hängt nicht gerade“, mokiert sich Taylor: „Halben Zentimeter links, dann halben Zentimeter rechts. Weiß ich, wie viel das ist, ich kenne nur Inches.“

Die englische Presse schimpft hinterher, Artut habe den Weltmeister aus dem Konzept zu bringen versucht. Gelingen sollte das der Nummer 58 der Welt freilich nicht. Letzter Satz. „Onehundredandeightyyyyyyyy!!“, raunt der Schiedsrichter ins Mikrofon, im Chor mit dem Publikum, das gesponserte Schilder mit der Zahl 180 in die Luft reißt.

Die Party nimmt an Fahrt auf, Fünf-Liter-Bierkannen werden herumgereicht, der Saal riecht wie eine alte Kneipe. Arthur Zeidler kommt seit fünf Jahren aus dem fernen Bayern mit seinen Jungs zur WM nach London. Sie seien nicht nur wegen der Party gekommen, es gehe ja auch um exzellenten Sport: „Das musst du erst mal schaffen, so konzentriert zu spielen, wenn 3000 Leute hinter dir brüllen.“ Über die Bildschirme laufen Twitter-Selfies der Zuschauer.

Boring tables! Boring tables“, dröhnt es Richtung Parkett. „Langweilige Tische!“, an denen die Gutsituierten sitzen, weil sie 60 Euro für ihr Ticket hingelegt haben. Im VIP-Bereich tummeln sich Anzugträger, Firmen verlegen ihre Weihnachtsfeier zur Darts-WM im „Ally Pally“, wie die Londoner den „Alexandra Palace“ nennen. Jeder der 14 Turniertage ist ausverkauft. In Deutschland, mittlerweile der zweitstärkste TV-Markt, überträgt Sport1 mit steigenden Quoten.

„Dart hat die Pubs lange hinter sich gelassen. Unsere Zuschauer sind im Durchschnitt heute Mitte bis Ende 20, vor gar nicht langer Zeit haben hauptsächlich 50-Jährige zugeguckt“, sagt PDC-Chef Barry Hearn: „Dart ist das Golf der Arbeiterklasse. Die Topspieler sind ganz normale Typen von nebenan.“

In der Tat ist der „Alexandra Palace“ an diesem Abend bevölkert „von ganz normalen Typen“. Kaum ein Gesicht im Publikum, das nicht weiß ist – ungewöhnlich im multikulturellen London.

Phil Taylor kommt aus Stoke-on-Trent in Mittelengland, er verkörpert das weiße Nachkriegsland. Als Kind musste er sich auf dem Hof waschen, Elektrizität gab es keine, deshalb hatten sie zu Hause eine Dartscheibe statt eines Fernsehers. Doch jetzt will er nur nach Hause. Diese WM ist noch lang, das Finale steigt am 4. Januar.