Vierschanzentournee

Dieter Thoma, 45, Sieger 1989/90

Als junger Sportler war ich sehr dickköpfig.

Die Drucksituation bei Wettkämpfen und der eigene Anspruch drängten mich so in eine Ecke, dass ich bei gefühlten Ungerechtigkeiten wie eine Ratte, die eigentlich nicht beißt, plötzlich doch zuschnappte. Ich denke, für meinen Tourneesieg war es wichtig zu lernen, dass es auch anders geht. Rolf Schilli etwa hat mir zu mehr Lockerheit verholfen, mich auch mal zusammengestaucht und gesagt: „Tunnel dich nicht ein. Du kommst jetzt mit, wir trinken ein Bierchen, dann sieht die Welt schon anders aus.“ Ich trank eigentlich nie was, aber die Gespräche waren sehr wertvoll, um mich weiter zu entwickeln. Lockerheit und die Teamstimmung waren enorm wichtig für die Tournee. Sie ist das Wimbledon des Skispringens und zählt für mich mehr als ein WM-Titel, für den du nur zwei Sprünge brauchst. Bei der Tournee sind es acht.

Du musst körperlich topfit sein, die Nerven bewahren und deine Möglichkeiten nutzen. Das Wichtigste und gleichzeitig Schwierigste ist, den Kopf frei zu bekommen. Mental ist die Tournee für die Springer das Anstrengendste. Ich habe es meistens geschafft, in Oberstdorf ganz gut zu beginnen, konnte dort dreimal gewinnen – das gibt Auftrieb. Ich habe mich aber nie – wie andere – in eine Art Rausch springen können, sodass es wie von Zauberhand läuft. Das Ausschlaggebende bei meinem Sieg war Innsbruck. Ich hatte dort keinen so guten Wettkampf – das hat mich dermaßen genervt, dass ich das Springen in Bischofshofen unbedingt gewinnen wollte.

Was dann nach dem Tourneesieg über mich hereinbrach, war brutal. Ich war ja erst 20 Jahre alt. Bis zum Frühling bekam ich 6000 Briefe. Wäschekörbeweise kam die Fanpost – das fand ich schon verrückt. Da wollten mich Mädels einfach so heiraten. Das Süßeste war: Eine Neunjährige schrieb mir, sie wisse, dass sie noch zu jung für mich sei, aber ob ich nicht auf sie warten könne.