Vierschanzentournee

Jens Weißflog, 50, 4x Sieger

Er saß da und sprang nicht: Lasse Ottesen, der Norweger.

Es war 1994, der zweite Durchgang der Tournee in Bischofshofen. Ich führte im Gesamtklassement und war dicht vor meinem vierten Triumph. Ottesen musste vor mir springen und blieb ewig lange auf dem Balken sitzen. Die Bedingungen waren bis dahin gut und wurden schlechter, als ich dran war. Espen Bredesen gewann die Tournee – ich fühlte mich um den Sieg betrogen.

Auch deshalb war mein Sieg zwei Jahre später der emotionalste für mich. Ein riesiger Druck fiel von mir ab. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich kurz danach sagte: Ich höre auf. Dieser vierte Tourneesieg damals war alles andere als vorauszusagen. Ich war einfach erleichtert, es war auch große Genugtuung nach dem Drama mit Ottesen zwei Jahre zuvor. Es fühlte sich ganz anders an als mein erster Tourneesieg. Ich hatte es nicht als selbstverständlich genommen, aber ehrlich: Manchmal denkt man als 19-Jähriger, das müsse so sein. Danach wollten plötzlich Massen an Menschen etwas von mir. Und es gab keine Security – wir waren zu jeder Zeit für die Fans greifbar und nahbar.

Die Tournee ist einfach speziell. Aufregend, spannend, schön, anders. Kurios war eine Begebenheit von 1996, als ich als Führender nach Innsbruck fuhr. Die ersten Drei hat man vor dem Springen im Casino aufgewogen – in Schinken, Käse und Marmelade. Auf der einen Seite der Waage war ich – auf der anderen die Schinken … Wenn ich zur Tournee gefahren bin, war es etwas Besonderes, wie nach Hause kommen. Das hat bei mir ein spezielles Gefühl ausgelöst, das ich in ein Mehr an Leistung umsetzen konnte – anstatt zu verkrampfen. Darauf kommt es an. Du musst als Springer die Tournee wirklich als das Besondere ansehen, das es ist, und sie genießen. Es sind eben keine vier Springen wie alle anderen, auch wenn das manche gern behaupten, um sich zu beruhigen.