Festtage

Ein Stück Heimat

Warum Union-Profi Eroll Zejnullahu auch als Muslim das Weihnachtssingen so mag

Zehntausende Kerzen tauchen die Ränge in ein warmes, behagliches Licht. Ein Licht, das ausreicht, um die Glückseligkeit in den Gesichtern der Menschen zu erkennen. Das Glitzern in den Augen, wenn die gnadenbringende Weihnachtszeit besungen und die Weihnachtsgeschichte verlesen wird. Für viele ist das Weihnachtssingen in der Alten Försterei mehr als nur die Zusammenkunft von 27.500 Menschen. Für viele ist der Abend vor Heiligabend auch ein Stück Heimat.

„Alle zusammen fühlen sich wohl und singen zusammen“, sagt Eroll Zejnullahu: „Das ist etwas Tolles.“ Der 20-Jährige weiß, wie es ist, mittendrin zu sein und jene besinnlichen Momente mitzuerleben. „Im vergangenen Jahr war ich dabei, auch vor zwei Jahren, als ich noch A-Jugendspieler war“, erzählt der Profi des 1. FC Union.

Das ist nicht selbstverständlich. Zejnullahu ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seine Eltern sind vor seiner Geburt aus dem Kosovo geflüchtet – und genau wie er selbst islamischen Glaubens. Das christliche Weihnachtsfest „feiern wir generell zuhause nicht so“, erzählt er, „aber ich habe kein Problem damit. Ich bin ja hier aufgewachsen, da nimmt man das alles mit. Man freut sich auf die Feiertage, auf die Atmosphäre. Und das Weihnachtssingen ist schon etwas besonderes.“

Heimat, Familie. Zwei Stützen, die den meisten Menschen Halt geben. Für den sympathischen Berliner haben sie eine besondere Bedeutung. Trotz seines Zuhauses in Berlin waren die vergangenen zwei Jahrzehnte sowohl für den Sportler als auch für den Menschen Eroll Zejnullahu auch immer verbunden mit der Suche nach seiner Heimat. „Berlin ist auf jeden Fall meine Heimat“, sagt er ohne Umschweife. Und relativiert sogleich: „Ich würde gern öfter nach Kosovo fahren. Das geht halt nur im Sommer, wenn wir frei haben. Aber in Berlin leben meine Eltern, meine Geschwister und meine Freunde. Hier bin ich aufgewachsen.“ Wo also ist seine Heimat? „Das ist schon eine schwierige Frage. Im Kosovo leben alle meine Verwandten, aber hier haben wir uns etwas aufgebaut.“

Doch seine Gesichtszüge erhellen sich, als die Erinnerungen wiederkommen. An die Tage voller Freude bei seinen Onkeln und Tanten, bei Menschen, in einer Republik, die auf völkerrechtliche Anerkennung hofft, eingerahmt zwischen Albanien, Mazedonien, Serbien und Montenegro.

Voller Achtung erzählt er von seiner zweiten Heimat, die gut 1200 Kilometer entfernt im Südosten Europas liegt. „Ich freue mich immer, wenn wir rüber fahren“, sagt Zejnullahu und berichtet von der Andersartigkeit gegenüber seinem Leben in Berlin. Er müsse sich schon umstellen, „auch wegen der Sprache, und die Kultur ist anders. 90 Prozent sind Muslime und richtig religiös. Da wird auch fünfmal täglich gebetet, und ich gehe auch öfter mit in die Moschee“. Doch die meiste Zeit verbringt er natürlich mit seiner Familie. „Meine drei Onkel haben ihre Häuser direkt nebeneinander. Da ist dann immer etwas los. Gut 20 Leute sind dort, vom Baby bis zum Erwachsenen. Wir haben jeden Tag Spaß. Das ist befreiend für den Kopf, wenn man mal komplett woanders ist. Wir spielen auch oft Fußball oder gehen schwimmen.“

Heimat ist eben, wo man sich wohl fühlt. Auch wenn die Suche danach ein wenig dauert, sei es privat oder sportlich. Nach der Flucht aus dem Kosovo waren seine Eltern zunächst in einem Heim in Reinickendorf untergebracht, wo der Sohn 1994 das Licht der Welt erblickte. Bald begann die Suche nach der sportlichen Heimat, die erst Fortuna Biesdorf hieß.

Die Eltern fanden schließlich in Zehlendorf ein Zuhause, für Eroll ging die Suche jedoch weiter. FC Internationale, Hertha Zehlendorf, SV Tasmania, wieder zurück zu Hertha Zehlendorf – keine schlechte Vita für einen „einfachen Jungen, der gern Fußball spielt“ (Zejnullahu). Es war schließlich Christoph Liebich, sein Trainer aus alten Biesdorf-Zeiten und inzwischen Jugendcoach bei Union, der ihn 2012 nach Köpenick lockte. „Ich bin froh“, sagt Zejnullahu, „dass ich bei Union meine Heimat gefunden habe.“

Doch die Suche ging weiter. Nicht in Berlin, sondern im Kosovo. Mit der Nationalmannschaft, in die der Jung-Profi in diesem Jahr berufen wurde. In die Auswahl, die weder im Weltverband Fifa noch im europäischen Verband Uefa eine Heimat gefunden hat. Lediglich Freundschaftsspiele dürfen die „Mavit e Bardhët“, die Blau-Weißen, bestreiten. Im Mai war Zejnullahu dabei, als die Auswahl in Mitrovica gegen die Türkei spielte. Immer noch aufgeregt erzählt er: „Wir sind am Spieltag mit dem Bus zum Stadion gefahren, viele, viele Menschen standen an den Straßen und haben applaudiert. Normal dauert die Strecke 45 Minuten, wir sind zweieinhalb, drei Stunden gefahren. Das war ein Moment, den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“

Das Spiel ging 1:6 verloren, doch der Stolz in den Gesichtern der Menschen war unübersehbar. Erst recht in der eigenen Familie. „Keiner hat gedacht, dass wir mal einen Nationalspieler haben werden. Mein Vater hat schon ein, zwei Tränen vergossen“, erinnert er sich an die schönste Art der Anerkennung. Anerkennung, die er bei Union längst gefunden hat. „Union ist halt Familie“, sagt Eroll Zejnullahu. Ein Stück Heimat, wie für viele andere auch. Das Weihnachtssingen beweist dies, alle Jahre wieder.