Karriere

Ein Eisbär erobert Amerika

Rob Zepp wagte sich nach fünf Titeln in Berlin in die NHL, dort erfüllt sich sein Lebenstraum

Diese Situation forderte Tribut, das erzählte Rob Zepp ganz frei heraus. Überwältigt war er, glücklich und eben ehrlich. „Ich spiele seit 26 Jahren Eishockey, um hier hinzukommen“, sagte der Torhüter. Doch wenn einer so lange wartet, dann kann er noch so sehr versuchen, genauso ruhig zu bleiben wie immer, aber das wird einfach nichts. Sein erstes Spiel in der National Hockey League (NHL), der besten Eishockeyliga der Welt, nahm also erst einmal einen unschönen Verlauf. Zwei Gegentore nach acht Minuten. „Ich will nicht lügen. Ich war nicht ich selbst in den ersten zehn Minuten. Ich erinnere mich auch nicht mehr an viel davon“, erzählte der Torhüter. An den Rest wird er sich noch sein Leben lang erinnern: Sein erstes NHL-Spiel gewann Zepp mit den Philadelphia Flyers in der Verlängerung mit 4:3 in Winnipeg.

In seinem Alter ist das schon eine außerordentliche Leistung. Mit 33 Jahren ist der gebürtige Kanadier nun der älteste Torhüter seit 1926, der sein Debüt in der NHL siegreich absolvieren konnte. „Großartig“, fand er das. Dass er so lange brauchte, um in die NHL zu gelangen, lag an dem Weg, den er wählte. Vor neun Jahren kehrte er der Heimat den Rücken, weil er keine große Perspektive sah, nur in unterklassigen Ligen spielte. Zwei Jahren in Finnland folgten sieben in Berlin bei den Eisbären. Fünf Meisterschaften feierte Zepp in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), wurde damit deren Rekord-Torhüter, wegen seiner deutschen Vorfahren nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, wurde Nationaltorhüter. Zepp fühlte sich sehr wohl, doch ein Gedanke beschäftigte ihn immer.

Er wollte zurück, irgendwann. „Jeden Tag habe ich mit dem Gedanken an dieses Ziel gearbeitet“, so der Goalie: „Ich wollte nicht irgendwann in meinem Leben zurückblicken und mich fragen, was wäre gewesen, wenn...“ Seit er vor ein paar Tagen den Anruf bekam, dass sich Stammtorhüter Steve Mason verletzt habe und er ins Team berufen würde, ging ihm vieles von seiner Reise noch einmal durch Kopf. „Da muss viel zusammenkommen, damit das dann so endet. Natürlich gab es einige Zweifel auf dem Weg, aber ich habe immer an meine Fähigkeiten geglaubt“, so Zepp. Im Sommer nutzte er die Chance, von der er sicher war, dass es seine letzte sein würde. Die Flyers gaben ihm einen Vertrag für eine Saison, als dritter Torwart, als Nummer eins für das Farmtam Lehigh Valley Phantoms.

Nach drei Testspielen im Trainingscamp wurde Zepp dort hingeschickt: „Ich war mir der Situation bewusst.“ Er war aber auch zufrieden, weil er seine Sache im Camp gut gemacht hatte und positive Rückmeldungen vom Management der Flyers erhielt. Außerdem kannte er die Fakten, in vier der zurückliegenden fünf Spielzeiten setzten die Flyers mehr als zwei Torhüter ein. Seine Chancen auf einen Einsatz standen also gar nicht so schlecht.

Nun ist der Traum also wahr geworden. Freitag kam die Nachricht, dass er wegen der Verletzung von Mason aufrücken würde. Am Sonnabend in Toronto saß er auf der Bank, als die Flyers mit Ray Emery im Tor 7:4 gewannen. Am Sonntag stand er selbst im Tor und im Blickpunkt. „Die vergangenen 48 Stunden waren wie ein Wirbelsturm“, sagte Rob Zepp.

Parade als Schlüsselszene

Nach dem hypernervösen Start kriegte er sich ein, wurde sicherer und zeigte beim Stand von 1:3 eine großartige Reaktion gegen den allein vor ihm aufgetauchten Mark Scheifele. Mit dem Schlittschuh wehrte er den Puck liegend in allerletzter Sekunde ab. „Keine Frage, er hat ein paar starke Paraden abgeliefert“, lobte Trainer Craig Berube. Im letzten Drittel und der Verlängerung drehten die Kollegen das Spiel. „Sie haben so hart gekämpft. Ich habe ihnen schon gesagt, dass das keiner mehr als ich zu schätzen weiß“, erzählte Zepp.

Die Anerkennung kam prompt zurück. „Er hat so hart dafür gearbeitet, um hier sein zu können. Seine Einstellung ist unglaublich, keiner verdient es mehr als er. Wir sind sehr glücklich für ihn, wir wollten diesen Sieg für ihn“, sagte Flyers-Kapitän Claude Giroux. Als die NHL in der Saison 2012/13 wegen eines Gehaltsstreits verspätet begann, spielte Giroux zusammen mit seinem damaligen Teamkollegen Daniel Briere knapp zwei Monate für die Eisbären in Berlin. Dort lernten beide Zepp kennen und waren schon damals von seiner Arbeitsmoral begeistert. Damals entwickelten sich auch die ersten Gespräche für Zepp mit den Flyers. Und das nicht zufällig.

In Berlin verursachte Zepp mit seinem ersten NHL-Einsatz derweil lange Nächte. „Ich habe versucht, das Spiel zu schauen“, sagte Eisbären-Manager Peter John Lee, der den Vertrag der Berliner mit Zepp im Juli wegen dessen NHL-Traum auflöste. „Wir sind alle stolz, dass er das geschafft hat“, so Lee, der sich später mit den Höhepunkten der Partie begnügen musste, weil die Reise nach Augsburg mit den Eisbären am Sonntag einige Energie gekostet hatte und er eingeschlafen war. Auch ein paar Spieler der Berliner wollten wach bleiben, um Rob Zepps Debüt in der NHL mitzuerleben. Wie lange er jetzt bei den Flyers bleibt, hängt von Masons Verletzung ab. Eigentlich sollte der nur für das Wochenende ausfallen.