Dominanz

Spitze ohne Spannung

Der FC Bayern beherrscht die Bundesliga. Diese Eintönigkeit kann schlimme Folgen haben

Es gibt kaum Superlative, die in der jüngeren Vergangenheit nicht bemüht wurden, um den FC Bayern und seine Spieler zu beschreiben. Am Wochenende ist aber einer dazugekommen. Weil Journalisten bald keiner mehr einfällt, hat Karl-Heinz Rummenigge ausgeholfen. „Arjen Robben ist der beste Feldspieler der Welt“, sagte der Münchner Vorstandsvorsitzende nach dem 4:0 (0:0) beim FC Augsburg.

Das ist mal eine Aussage. Immerhin stellt Rummenigge den Niederländer damit über Lionel Messi (Barcelona) oder Cristiano Ronaldo (Madrid), und das ist ja zumindest diskutabel. Unstrittig ist, dass Robben gegen Augsburg überragend war. Zwei Tore schoss er und rannte ansonsten wie aufgezogen über das Feld, dass es den Gegnern schwindlig wurde. Das Lob vom Chef nahm er bescheiden entgegen: „Das ist ein schönes Kompliment, aber es gibt noch ein paar andere Spieler, die vielleicht noch besser sind.“

Drei Gegentore in 15 Spielen

Es war bezeichnend, dass auch die Augsburger, bis dato Tabellendritter, eine Packung kassierten. Mutig waren die Männer von Trainer Markus Weinzierl in den Kampf gezogen und hatten dem großen Nachbarn bis zur Pause standhalten können. Doch schon beim Seitenwechsel schwante dem FCA-Coach trotz des Zwischenstands von 0:0 Böses: „In der Halbzeit war schon klar, dass es schwierig wird, das über die Zeit zu bringen.“

Weinzierls Befürchtungen bewahrheiteten sich schnell. Binnen 13 Minuten zog der Rekordmeister seinem Team den Boden unter den Füßen weg. Der FC Bayern wirkte wie ein Ferrari, bei dem nur einmal kurz das Gaspedal durchgetreten werden muss, um den Augsburger Mittelklassewagen abzuhängen. Es war der sechste Zu-Null-Sieg in Folge, in den bislang 15 Hinrundenspielen haben die Münchner erst drei Gegentore kassiert und keine Niederlage. Schon jetzt steht fest, dass sie als Tabellenerster überwintern werden.

Für die Konkurrenz ist es frustrierend: Der FC Bayern hat in dieser Liga keine Gegner mehr. „Wenn wir mal ehrlich sind: Wir brauchen uns nicht mit Bayern München vergleichen“, sagte Halil Altintop nach dem 0:4. Das Problem ist: Niemand kann sich mehr mit diesen Bayern vergleichen. Borussia Dortmund, von den anderen Teams als Bayern-Jäger Nummer eins auserkoren, schafft sich in dieser Saison selbst ab. Schalke und Leverkusen bringen nicht genug PS auf die Straße. Und die Neureichen aus Hoffenheim und Wolfsburg sind noch zu unbeständig.

Also, wer soll diese Bayern stoppen? „Am besten keiner“, sagte Mittelfeldspieler Thomas Müller schmunzelnd, „bis jetzt geht unser Plan auf, und ich sehe nichts, was uns daran hindern könnte.“ Matthias Sammer bescheinigte der Mannschaft einen „überragenden Charakter“. „Wir sind jetzt ganz zufrieden, wollen noch zwei Spiele gewinnen und ziehen dann ein Fazit“, sagte der Sportchef.

Doch das Fazit steht längst fest. Der Rekordmeister wird irgendwann im Frühjahr seine 25. Meisterschaft einfahren, die Konkurrenz wird brav gratulieren und die „Über-Bayern“ loben. Es ist ja auch genial, wie Pep Guardiola immer wieder das Team neu einstellt. Kaum einmal lässt er ein System an zwei aufeinanderfolgenden Spielen praktizieren, und eine Stammformation gibt es bei ihm nicht. „Ich mache mir keine Gedanken, wer bei Pep spielt und lasse mich manchmal auch überraschen“, sagte Sammer.

Der Liga aber wird die totale Dominanz der Bayern irgendwann schaden. Deutschlands Eliteklasse verliert ihr stärkstes Spannungsmomentum, den Meisterkampf. Schon in der vergangenen Spielzeit zertrümmerten die Münchner die Konkurrenz und wurden mit 19 Punkten Vorsprung Meister. Ein Jahr zuvor waren es 25 Zähler. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat Bayern nur drei Ligaspiele verloren. Bei zweien davon standen die Münchner schon als Meister fest.

Es mag stimmen, dass auch der Abstiegskampf und das Rennen um die Champions-League-Plätze reizvoll sind. „Die Meisterschaft ist die wichtigste, aber eben nur eine von vielen sportlichen Entscheidungen. Daraus fehlende Spannung abzuleiten, empfinde ich als unlogisch“, sagte Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL). Doch auch er wird sich seine Gedanken machen. Noch rast die Bundesliga von Rekord zu Rekord. Doch es ist nicht auszuschließen, dass der Spannungsverlust auch irgendwann Auswirkungen auf das Fernsehgeld und die Zuschauerzahlen haben wird. „Der aktuelle Zustand tut der Bundesliga nicht gut“, findet auch Dortmund-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Breitner verhöhnt die Konkurrenz

Der Rest der Liga überlegt fieberhaft, wie der Übermacht des Branchenprimus’ beizukommen ist. Doch mehr als halbgare Vorschläge wie der von Frankfurt-Manager Heribert Bruchhagen („Vereine wie der FC Bayern müssten Teile der Champions-League-Gelder an die Liga abgeben“) ist dabei bislang nicht herausgekommen.

Paul Breitner nennt solche Ideen darum zu Recht einen „Schmarrn“. Im „Doppelpass“ sagte der Markenbotschafter der Bayern: „Wir können nichts für die Unfähigkeit der anderen Vereine. Wir leben nicht mehr in der Zeit der elf Freunde, der Hipp-Hipp-Hurra-Zeit. Wir sind unseren Fans, Mitgliedern und Aktionären Rechenschaft schuldig.“ Der Konkurrenz werden die Ohren geklungen haben, als der Weltmeister von 1974 höhnte: „Gegen wen soll diese Mannschaft denn verlieren?“