Wintersport

Weltcup-Siege im Visier

Staffel-Erfolg der Frauen und Rang zwei durch Simon Schempp machen Biathleten Mut

Franziska Preuß ärgerte sich gewaltig. Eigentlich hatte die 20 Jahre junge Biathletin gerade angefangen, sich über die Ergebnisse des Weltcup-Wochenendes in Österreich zu freuen. Dann aber ließ sie noch einmal das letzte Rennen, die Verfolgung am Sonntag über zehn Kilometer, Revue passieren. „Jetzt ärgere ich mich doch wieder ganz schön“, sagte sie zerknirscht. Rückblick: Letztes Schießen. Preuß muss etwas riskieren, schießt schnell und trifft – einmal, zweimal, dreimal, viermal. Noch ein einziges Mal muss die Scheibe fallen, dann könnte sie zum ersten Podestplatz ihrer Karriere laufen. Doch der letzte Schuss geht daneben – Platz sieben.

Glückwünsche von Neuner

Und dennoch: Sie ist 20 Jahre alt, war knapp dran, hat etwas riskiert. „Der Aufwärtstrend ist da“, sagte Preuß, als der Ärger wieder verraucht war. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Wochenende.“ Apropos Aufwärtstrend: Mit dem überraschenden Staffelsieg der Frauen und dem Doppelpodest des bärenstarken Simon Schempp haben die deutschen Biathleten beim Weltcup in Hochfilzen ordentlich abgeräumt. Vor allem Schempp untermauerte am Sonntag in der abschließenden Verfolgung mit seinem zweiten Platz hinter Doppel-Olympiasieger Martin Fourcade (Frankreich) seine derzeitige Top-Verfassung. „Mit diesem Wochenende bin ich absolut zufrieden. Ich bekomme mit jedem guten Ergebnis mehr Selbstbewusstsein. Auch für uns als Mannschaft gibt uns das Auftrieb“, meinte Schempp, der bereits im Sprint Zweiter vor seinem Zimmerkollegen Andreas Birnbacher geworden war.

Magdalena Neuner fand auch die Leistungen ihrer Nachfolgerinnen einfach „großartig“. Nach dem unerwarteten Staffelsieg der deutschen Skijägerinnen gratulierte die Biathlon-Rekordweltmeisterin via Facebook: „So kann’s weitergehen“. Die frühere Ausnahmekönnerin freute sich über den ersten emotionalen Höhepunkt des Winters. Einen Tag nach dem überraschenden Staffelerfolg durch Luise Kummer, Franziska Hildebrand, Vanessa Hinz und Franziska Preuß bestätigten am Sonntag in der Verfolgung Preuß als Siebte, Hildebrand als Achte und Hinz als 14. die guten Ergebnisse der vorherigen Rennen. Bereits im Sprint waren Hildebrand (5.), Hinz (6.) und Preuß (10.) in den Top 10.

„Wenn der Neuaufbau so beginnt, macht das schon Spaß“, bekannte Bundestrainer Gerald Hönig, ließ aber keine Euphorie aufkommen: „Wir sollten nicht so blauäugig sein und erwarten, dass es von Woche zu Woche so weitergeht. Es wird wieder Rennen geben, wo man sieht, dass die Mädchen noch sehr jung sind und nicht diese Stabilität haben.“ Die Zukunft des deutschen Frauen-Biathlons scheint aber doch nicht so düster, wie sie angesichts des notwendigen Neuaufbaus prophezeit wurde. „Wir wussten ja vorher schon, dass wir es können. Nur alle anderen wussten es noch nicht“, gab Franziska Hildebrand lachend und sichtlich gelöst zu Protokoll: „Das ist gut für die Außendarstellung, dass alle sehen, wir sind ein gutes Team, auch wenn wir jung sind.“

Grund für Euphorie aber ist längst noch nicht. Die Zeiten, in denen die deutschen Biathletinnen mit Stars wie Uschi Disl, Kati Wilhelm, Andrea Henkel oder Magdalena Neuner für Furore sorgten, sind erst einmal vorbei. Spätestens seit dem Karriereende von Henkel sowie dem Dopingskandal und späteren Rücktritt von Evi Sachenbacher-Stehle stand das einst siegverwöhnte Team vor einem Umbruch. Das Durchschnittsalter der Mannschaft liegt in diesem Winter bei gerade einmal 22 Jahren.

Miriam Gössner würde dagegen die Tage von Hochfilzen am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen. Nach ihrem folgenschweren Blackout erlebte sie die Erfolge im Pillerseetal nicht mehr mit. Bereits am Sonnabendmorgen reiste sie nach Hause. Zu tief saß die Enttäuschung über ihre vergessene Strafrunde im Sprint – wegen einer Zeitstrafe verpasste sie die Qualifikation für das Verfolgungsrennen. „Das war sicher ein mentaler Tiefschlag für sie“, sagte Hönig, der nun auch als Psychologe gefragt ist. Gössners Comeback verlief mit den Plätzen 51, 58, 68 und 93 bisher nicht wie erhofft. Noch ist offen, ob sie weiter im Weltcup startet oder eine Pause bekommt.

Bei den Männern läuft derzeit nur Arnd Peiffer noch nicht auf Hochtouren. Er ist der Einzige der Top-Athleten wie Schempp, Birnbacher, Erik Lesser und Daniel Böhm, der die Norm für die Weltmeisterschaften im März 2015 in Kontiolahti (Finnland) noch nicht erfüllt hat.