Sportler des Jahres

Vielseitigkeit ist Trumpf

Fünfkämpferin Lena Schöneborn, Diskuswerfer Robert Harting, Alba und Volleys-Manager Kaweh Niroomand: Berlin feiert seine Sportler des Jahres

Am frühen Morgen hat sie noch in Berlin trainiert. Jetzt gehört Lena Schöneborn zu den Stars bei einer Aktion der neuen Deutschen Sportlotterie in Bad Sooden Allendorf. Gemeinsam mit drei anderen Olympiasiegern, Robert Harting, Henry Maske und Julius Brink, wirbt die 28-Jährige an einer Schule in der nordhessischen Provinz für das Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, den deutschen Sport international wieder konkurrenzfähiger zu machen.

„Wenn die Lotterie erst einmal greift, wird sie gerade jungen Athleten sehr helfen auf ihrem Weg an die Spitze“, ist sie überzeugt. Die Moderne Fünfkämpferin hat schon erlebt, dass talentierte Sportler aufgegeben haben, weil die staatliche Förderung nicht reichte, ein immer noch bescheidenes, aber wenigstens sorgenfreies Leben führen zu können. Stattdessen mussten sie Teilnahmen an Trainingslagern selbst bezahlen, manchmal sogar Reisen zu Wettkämpfen. Ein Unding, das findet nicht nur Schöneborn.

Dagegen unternimmt sie jetzt was. Als die Aktivensprecherin der deutschen Fünfkämpfer gefragt wurde, ob sie zum Beirat der Sportlotterie gehören wolle, deren Initiatoren der Krefelder Unternehmer Gerald Wagner und der Berliner Diskus-Riese Robert Harting sind, war sie gleich dazu bereit. „Es gab ein im Detail total ausgearbeitetes Konzept. Das hörte sich an wie: zu schön, um wahr zu sein.“ Die Zusage bedeutete allerdings auch, dass sie Zeit investieren muss. Wie heute. Morgens dreieinhalb Stunden mit dem Zug nach Kassel, abends dreieinhalb Stunden zurück nach Berlin. Und Zeit hat sie eigentlich nie.

23 Medaillen bei EM und WM

Spaß hat sie trotzdem. Freundlich lächelnd schreibt Lena Schöneborn Autogramme in der Sportschule, aus der schon einige viel versprechende Leichtathleten hervorgegangen sind. Sie posiert immer aufs Neue für Fotos und gibt dem Hessischen Rundfunk ein Interview. In die Maske hat sie es nicht mehr geschafft in der Eile, aber das macht ihr nicht wirklich etwas aus. Die Kinder strahlen, die Eltern staunen, als sie sich auch noch im Stabhochsprung probiert. Furchtlos macht sie das. „Sie macht das besser als der Mann vorhin“, raunt eine Mutter. Der Mann vorhin war Julius Brink, Beachvolleyball-Olympiasieger in London.

Lena Schöneborn ist eben eine wahre Vielseitigkeitssportlerin; Fechten, Schwimmen, Reiten, Laufen und Schießen muss sie beherrschen, und zwar sehr gut, sonst wird man nicht wie sie Olympiasiegerin in Peking und gewinnt 23 Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften. Schon mit 18 Jahren wurde sie zum ersten Mal Deutsche Meisterin bei den Erwachsenen. Dahinter stecken Talent, viel Fleiß und der Ehrgeiz, etwas richtig machen zu wollen. Oft auch große Leidensfähigkeit. All das vereinigt Lena Schöneborn.

Eigentlich war es längst überfällig, dass sie einmal Berlins Sportlerin des Jahres würde. Dreimal war sie schon Dritte geworden. Aber wie es so ist: Diesmal hatte sie überhaupt nicht damit gerechnet, trotz des EM-Titels in Ungarn und Platz vier bei der WM in Polen. Sie hatte ihr Hauptaugenmerk gar nicht auf den Sport gerichtet, sondern wollte in erster Linie ihre berufliche Entwicklung vorantreiben. Um so größer war nun die Freude, wie sie sagt, „es gibt so tolle Athleten in der Stadt. Das ist schon etwas Besonderes für mich“. Sie hat sogar einen Sponsorentermin verschoben für die Gala im Estrel.

Schöneborn hilft der Sportlotterie, obwohl sie deren Hilfe nicht braucht. Auch nicht gebraucht hat. Sie hatte Glück: Am Anfang ihrer Karriere wurde sie von ihren sportbegeisterten Eltern unterstützt. Mit den Medaillen kamen die Moneten, Sponsoren zeigten Interesse an der jungen Frau. Im überschaubaren Rahmen, wir reden ja vom Modernen Fünfkampf, nicht vom Fußball. Trotzdem, „durch den Olympiasieg hat sich für mich vieles verändert“, sagt sie zufrieden, denn: „Ich kann auf eigenen Beinen stehen.“

Sie konnte es sich leisten, neben dem Leistungssport zu studieren, was allein von der Organisation und vom zeitlichen Aufwand her schwierig genug ist. Das hat sie gut hingekriegt. Lena Schöneborn hat zunächst ihren Bachelor in Business Administration gemacht, vor einem Jahr auch noch den Master im internationalen Marketing.

Jetzt arbeitet sie für die Berliner Außenstelle einer Agentur, die weltweit einen großen Sportartikelhersteller vermarktet. Und hat schmerzlich festgestellt, dass gerade ihr trainingsintensiver Sport sich mit dem Beruf nur schwer vereinbaren lässt. Noch schwerer als das Studium. Ihr kleines Trainingsparadies am Olympiastadion funktioniert auch nicht mehr, seit das Schwimmbad geschlossen wurde. Bis dahin hatte sie alle fünf Disziplinen dort üben können, von früh um sieben (Reiten) bis in den späten Nachmittag (Laufen). Jetzt muss sie zum Schwimmen nach Hohenschönhausen fahren. Und ficht mal in Marzahn, mal in Potsdam. Da bleibt nicht viel Freizeit.

Aber ewig wird es ja nicht mehr so weitergehen. Ihre Karriere neigt sich langsam dem Ende zu. Lena Schöneborn denkt und lebt im olympischen Rhythmus, das bedeutet, sie will 2016 in Rio de Janeiro ihre dritten Spiele erleben. Wer schon so viele Jahre so konstant zur Weltspitze zählt, der rechnet sich auch dort eine Medaillenchance aus. So wie sie es 2012 in London getan hatte, dann aber auf dem enttäuschenden 15. Rang gelandet war, weit hinter ihren Möglichkeiten. „Ich habe daraus gelernt“, sagt sie. Ihre Erkenntnis: „Mach dir weniger Druck!“ Moderner Fünfkampf ist nun mal ein Sport, wo manches vom Glück und vieles von der Tagesform abhängt. „Man hat schon alle Szenarien durch“, sagt Schöneborn und schiebt nach: „Manchmal ist es gut, ein alter Hase zu sein.“ Da muss sie selbst lachen.

Das kommt von ihrer rheinischen Frohnatur. Sie stammt ja aus Niederkassel, das liegt zwischen Köln und Bonn. Gestartet ist sie auch immer für die Schwimm- und Sportfreunde Bonn, bis heute, nie für einen Berliner Verein. Ist sie in all den Jahren denn noch immer nicht heimisch geworden?

Zum Karneval reist sie heim

Lena Schöneborn antwortet ehrlich: „Das Naturell der Menschen im Ruhrpott ist mir schon näher.“ Doch inzwischen werde sie „immer mehr Berlinerin. Ich trainiere da, ich arbeite da. Ich habe da meinen Lebensmittelpunkt“. Ihr Freund ist auch Berliner, na gut, Strausberger, immerhin. Nur eines kann die Hauptstadt ihr nicht bieten: „Zum Karneval bin ich schon noch gern drüben.“ Das wird ihr eine tolerante Stadt wie Berlin doch wohl nicht übel nehmen, oder?