Handball

Weiter, immer weiter

Ilker Romero ist nicht nur Teamkapitän der Handball-Füchse, sondern auch Motivator und bei Bedarf Vaterfigur

Zum Glück hat der Lederstuhl zwei Armlehnen. Kurz verzieht Iker Romero, 34, seinen Mund, dann stemmt er seinen 1,97 Meter langen Körper hoch, versucht dabei, die Belastung auf die Knie so gering wie möglich zu halten. Wie es ihm gehe? Romero schmunzelt, reibt sich kurz den schwarzen Vollbart. „Heute schlecht, morgen besser und am Sonntag beim Spiel geht es mir wieder perfekt.“ So ist er, der Kapitän der Füchse. Immer ein Späßchen parat, ein freundliches Lächeln. Selbst wenn die Knie schmerzen. Immer positiv denken, das ist sein Motto. 18 Jahre Profi-Handball haben Spuren hinterlassen, Romero sagt: „Ich bräuchte neue Knie, einen neuen Ellenbogen und eine neue Schulter.“

Es kommt auf die Einstellung an

Trotz seiner körperlichen Schwächen ist der Mittelmann derzeit, da die Füchse sich in der Bundesliga nach sieben Niederlagen in unruhigem Fahrwasser befinden und immer wieder Verletzte zu beklagen haben, wichtiger denn je. Als Routinier, als Kapitän, als Ersatz-Vater für die Jungen. Romero zieht seine Mitspieler mit. „Weiter, immer weiter“, sind seine Lieblingsworte während eines Spiels. Und diese wird er auch am Sonntag wieder gebrauchen, wenn er mit den Füchsen den deutschen Vize-Meister Rhein-Neckar Löwen in der Schmeling-Halle (17.15 Uhr) empfängt. „Wir haben eine riesen Spiel vor uns, die Löwen sind nach Kiel die zweitbeste Mannschaft der Liga“, sagt Romero. „aber wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen, die Fans uns nach vorne pushen und wir clever spielen, dann haben wir eine Chance.“

Vor allem aber müssen die Füchse gegen die Mannheimer ihren von Trainer Dagur Sigurdsson vorgegebenen Matchplan über die volle Spielzeit einhalten. Dieses Kunststück war den Berlinern am vergangenen Mittwoch in Flensburg nur 20 Minuten lang gelungen, so dass sie am Ende mit 27:36 unterlagen. Geschäftsführer Bob Hanning erwartet gegen die Löwen, dass alle Spieler mehr investieren und sich wehren, „denn wenn wir uns am Sonntag so wie in Flensburg präsentieren, haben wir keine Chance“. Trainer Dagur Sigurdsson appelliert an die Moral seiner Spieler: „Wir müssen jetzt für das Spiel gegen die Löwen die richtige Einstellung finden, das ist das Wichtigste.“

Ein Vorbild beim Thema Einstellung ist Romero. Weil er immer wieder seine Schmerzen überwindet. Er liebt seinen Job. „Ich gehe immer an und über mein Limit“, sagt der Spanier. Und er weiß, wie viel Glück er hat. „Ich habe den besten Job, den ich mir vorstellen kann“, sagt er und lacht: „Und ich bekomme pünktlich mein Geld.“ Handball sei ein großer Spaß, sagt Romero, „ich genieße jeden Moment auf dem Feld.“ Und wenn man mit Freude an jedes Spiel herangehe, klappe es auch besser. Sein Credo lautet: Nicht müssen, sondern wollen. Und sich niemals vorher schon Gedanken darüber machen, wie ein Spiel ausgehen wird.

Wie das Abenteuer Berlin ausgehen würde, das wusste Romero selbst nicht vor dreieinhalb Jahren. Als er im Sommer 2011 zu den Füchsen kam, wurde viel darüber diskutiert. Als „Marketinggag“ wurde er abgestempelt, oder auch als „verletzungsanfälliger Bandrücker“. Doch Romero wurde nicht nur zum „Mann für die besonderen Momente“, wie Manager Hanning sagt. Sondern auch zur tragenden Säule, zum Spielmacher, Torjäger und Kapitän. Dahinter steckt freilich harte Arbeit. Insgesamt 14 Kilo nahm Romero ab, seit er in Berlin ist. Und das, obwohl er ein bekennender Genussmensch ist. Ibérico-Schinken, oder Rebhuhn und dazu ein guter Tropfen Rotwein, am liebsten Rioja, ausgewogen und bekömmlich, das ist sein Stil. Ebenso wie die Schinderei für den Job. „Als Iker bei uns ankam, konnte er im Training nur zweimal hin- und herlaufen und musste dann sein Knie kühlen. An Sprungwurf war damals noch nicht zu denken“, erinnert sich Athletiktrainer Erik Helm. Das ist heute ganz anders. Weil intensiv am lädierten Bein, der Rumpfstabilität und Ausdauer gearbeitet wurde.

Ursprünglich hatte Romero seine Karriere nach dem auslaufenden Vertrag im Sommer beenden wollen, dann aber überredete Bob Hanning den Mittelmann bei einer guten Flasche Wein zum Bleiben. Eine gute Entscheidung für die Füchse – und die Liebe. Seit September ist Romero mit der Handball-Nationalspielerin Laura Steinbach, Tochter des früheren NOK-Präsidenten Klaus Steinbach liiert, die 29-Jährige wechselte Anfang Oktober von Budapest nach Berlin zum Bundesligisten Spreefüxxe und weilt derzeit bei der EM in Ungarn und Kroatien.

Romero war Weltmeister, Olympia-Dritter, Champions-League-Sieger (mit dem FC Barcelona), 199 Mal lief er für die spanische Nationalmannschaft auf. Seinen vorläufigen sportlichen Höhepunkt erlebte der Baske am 13. April, als er die Füchse mit dem Pokalsieg zum ersten Titel in der 123-jährigen Geschichte des Vereins führte. Jetzt gilt es, den sportlichen Absturz ins Mittelmaß zu verhindern. „Als Kapitän muss ich helfen, dass die Mannschaft besser spielt“, sagt Romero, „wir müssen weiter machen, immer weiter.“