Eishockey

Die Serienmeister sind selbstzufrieden, das kann Tomlinson bald den Job kosten

Berlin – Es klingt dramatisch.

Erst stellte Stefan Ustorf in Abrede, dass die Mannschaft des EHC Eisbären zu den Spitzenteams der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gehören würde. „Das ist überhaupt kein Thema“, sagte der Sportliche Leiter nach dem 0:2 gegen Mannheim. Nach dem 3:1 in Nürnberg am Mittwoch hielt sich auch Trainer Jeff Tomlinson nicht mit selbstkritischen Worten zurück. „Wir dürfen uns nicht anlügen, Nürnberg war viel besser als wir“, so der 44-Jährige. Man habe kein gutes Spiel gezeigt. Dafür wurden drei Punkte geholt, es ist ja schon länger her, dass das gelang. Eine versöhnliche Bilanz nach der Hälfte der Hauptrunde, das legen Ustorf und Tomlinson nahe, können die Berliner nicht ziehen. Die Morgenpost analysiert die Problemfelder des Klubs:

Defensive: Mit Torhüter Petri Vehanen holten die Berliner im Sommer eine Spitzenkraft. Er ist der konstanteste und beste EHC-Profi, seinen Paraden verdanken es die Berliner, dass sie immer noch halbwegs in Reichweite der Ansprüche liegen, die mit Platz vier nach der Hauptrunde betitelt wurden. Ein Teil der Vorderleute gefährdet dieses Ziel jedoch. In der Abwehr zählen die erfahrenen US-Amerikaner Jim Sharrow und Casey Borer zu den größten Unsicherheitsfaktoren. Generell fehlt es sehr an Offensivkraft von der Blauen Linie.

Offensive: Eine ordentliche Mischung, die ihr Potenzial aber kaum abruft. Verletzungen erschwerten es lange, in einen Spielfluss zu kommen. Seit die Berliner dieser Sorgen entledigt sind, trat jedoch doch keine Besserung ein. Die einstige Torfabrik läuft nur auf Sparflamme, weil zu wenig Verantwortung vor dem Tor übernommen wird und Situationen oft falsch eingeschätzt werden.

Spielweise: Die Berliner sind ein offensiv ausgerichtetes Team, nur führt die aktuelle Schwäche im Spielaufbau immer wieder zu Puckverlusten und Kontern. Da dies kaum mit eigenen Treffern aufgefangen werden kann, mündet es oft in Einzelaktionen, die getrieben sind vom Ehrgeiz, es auf eigene Faust besser zu machen. Darunter leidet das Teamspiel und die Umsetzung der taktischen Vorgaben.

Selbstverständnis: In dieser Hinsicht können es die Eisbären mit jedem aufnehmen. Sieben DEL-Titel wirken beflügelnd, allerdings nur im Kopf. „Da muss sich ganz schnell etwas ändern“, hatte Ustorf gemahnt. Auch der Trainer erkennt hier viel Potenzial. „Der Kampf gegen die Selbstzufriedenheit ist der schwierigste“, sagt Tomlinson und bezieht das auf jeden einzelnen Sieg. Denn nach solchen neigt das Team dazu, alle Probleme als überwunden anzusehen und den Fuß vom Gas zu nehmen. „Aber mit links geht es nicht“, so der Trainer.

Trainer: Jeff Tomlinson hatte einen schweren Start, als er im Sommer 2013 das Amt des Cheftrainers von Dauer-Meister Don Jackson übernahm. Permanente Verletzungen ließen kaum mehr zu als das Ausscheiden im Pre-Play-off in der Vorsaison. Für diese Spielzeit legte er die Messlatte selbst höher, sagte, dass er mit der Mannschaft zufrieden sei, so wie sie verstärkt worden ist. Zwar gab es erneut einige Ausfälle in der ersten Hälfte der Hauptrunde, doch letztlich scheint der 44-Jährige noch nicht den Schlüssel gefunden zu haben, um dem Team zu Konstanz zu verhelfen. Er probiert viel, redet viel, zeigt viel im Training, die gewünschte Wirkung aber stellt sich zu selten ein.

Management: Mit Stefan Ustorf installierte Manager Peter John Lee einen weiteren Mann in der Führungsetage. Das ist ebenso ein Schritt in die richtige Richtung wie die Anpassung der Transferpolitik. Es wurden mehr Spieler ausgetauscht und starke Profis verpflichtet. Jedoch muss eine gewisse Halbherzigkeit bei der Zusammenstellung des Kaders festgehalten werden. Bei Akteuren wie Sharrow und Borer hätte über ein vorzeitiges Ende der Kontrakte nachgedacht werden können. Andere Spieler wie Darin Olver haben seinerzeit derart langfristige Verträge erhalten, die offenbar die Leistungsbereitschaft hemmen.

Fazit: Es gibt einige Schwachstellen, die erklären, warum der Klub in einem ständigen Auf und Ab lebt und zur Hälfte der Hauptrunde nahezu identisch dasteht wie vor einem Jahr: 13 Siege, 13 Niederlagen, 37 Punkte, Platz neun. Das muss eine Warnung sein, denn das Resultat nach der vergangenen Spielzeit soll mit allen Mitteln verhindert, beziehungsweise deutlich übertroffen werden. Daher wird die Chefetage dem Vernehmen nach auch langsam etwas nervös. Lange saß Trainer Tomlinson fest im Sattel, und an ihm allein ist der Tabellenstand wie beschrieben auch nicht festzumachen, doch sobald sich durch zwei Niederlagen am Stück ein Lücke zu den vorderen Teams auftut, könnte es ab jetzt schnell vorbei sein. Noch ist der Abstand nach vorn gering, sechs Punkte sind es zu Platz vier. „Wir müssen jetzt nachlegen“, sagt der Trainer. Beim Vorletzten in Schwenningen sollte das am Freitag möglich sein (19.30 Uhr, laola1.tv).