Handball

Stürmische Weihnachten

Nach vielen Erfolgen bleiben Füchse und Eisbären nun unter den Erwartungen. Ein Krisenreport über die Berliner Klubs

Hanning fordert mehr Charakter, sonst droht der Absturz nach ganz unten

„Die Jagd beginnt, das Fieber steigt“, mit diesen Worten beginnt sie, die eigene Vereinshymne der Füchse Berlin. Um Mitternacht erlebte der Song von Poprock-Sänger Bollmer seine internationale Premiere, er ist ab sofort auf iTunes und Spotify verfügbar und wird am Sonntag beim Heimspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen (17.15 Uhr, Schmeling-Halle) erstmals live den Fans präsentiert. „Gerade jetzt, wo wir sportlich eine schwere Zeit durchmachen, erfüllt uns diese Hymne mit Stolz, denn wir sind mehr als ein Verein. Der Song ist für mich neben dem Pokalsieg das Highlight des Jahres 2014“, sagt Bob Hanning. Der Geschäftsführer sagt aber auch: „Wenn wir verlieren, dann kann uns natürlich kein Feuerwerk und keine Hymne retten.“

In der Tat ist der Jagdinstinkt der Handballprofis derzeit gehemmt. Zwar kam die klare Niederlage (27:36) am Mittwoch bei Topklub Flensburg-Handewitt angesichts der vielen Verletzten der Berliner nicht wirklich überraschend, doch wie sie zustande gekommen war, ärgerte die Verantwortlichen maßlos. 20 Minuten lang hatten die Füchse gut mitgehalten und dem Champions-League-Teilnehmer die Stirn geboten, „dann sind wir völlig auseinandergebrochen und haben uns viel zu wenig gewehrt. Das ist das, was mich am meisten erschreckt“, kritisiert Hanning. Trainer Dagur Sigurdsson bemängelt die Einstellung seiner Spieler. „Ohne Einsatz und Kampf, ohne die nötige Härte und Aggressivität hat man in Flensburg keine Chance“, sagt der Isländer, „ich war seit langem nicht mehr so enttäuscht.“

Mit der siebten Niederlage in der Bundesliga und dem Absturz auf Rang acht verlieren die Füchse ihr Saisonziel – Platz fünf samt erneuter Teilnahme am Europapokal – immer mehr aus den Augen. Während Sigurdsson vor seinem Abschied darauf vertraut, dass die Mannschaft bald wieder einen Lauf hat und sich doch noch über die Bundesliga für den Europapokal qualifizieren kann, bröckelt bei Hanning die Zuversicht. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir am Ende der Saison Platz fünf erreichen“, sagt er. Von einer Krise will der Manager aktuell aber nicht sprechen, noch nicht. „Ich glaube, wir sind noch gar nicht unten angekommen. Das Wort Krise werden ich erst in zwei bis drei Wochen gebrauchen.“ Die offizielle Zielsetzung mit Platz fünf behalten die Füchse freilich bei, Hanning hofft gar, dass die Mannschaft aus der Schwächephase gestärkt hervorgeht. „Jetzt kommt es auf den Charakter jedes einzelnen Spielers an.“

Mangel an Führung und Konstanz

Aber was kann man schon machen, wenn immer wieder Leistungsträger verletzt oder durch Krankheiten ausfallen? „Uns trifft es in dieser Saison besonders hart, es kommt alles extrem zusammen“, sagt Hanning. Neben Abwehrchef Denis Spoljaric, den beiden Linksaußen Fredrik Petersen und Colja Löffler sowie dem am Blinddarm operierten Torjäger Konstantin Igropulo zog sich in Flensburg jetzt auch noch Rechtsaußen Mattias Zachrisson eine Hüftprellung zu. Zuvor waren bereits Spielmacher Bartlomiej Jaszka und Rückraumspieler Pavel Horak lange Zeit ausgefallen. Für Jaszka und Spoljaric waren vor Saisonstart Regisseur Petar Nenadic und Abwehrrecke Kasper Nielsen nachverpflichtet worden, die Eingewöhnung aber brauchte Zeit. „Uns fehlt jede Art von Konstanz und jede Art von Führung“, stellt Hanning unmissverständlich fest, „die vielen Verletzten können und dürfen aber nicht als Ausrede herhalten.“

Nach Jahren, in denen es für die Füchse immer nur bergauf ging und im April mit den deutschen Pokalsieg der erste Titel der Vereinsgeschichte errungen wurde, herrscht jetzt erst einmal Ernüchterung. „Im Grunde werden wir dafür bestraft, dass wir jahrelang mit bescheidenen Mitteln mehr geschafft haben als eigentlich möglich war“, erklärt Hanning. Andere Vereine mit ähnlichem finanziellen Fundament blieben dagegen stets im Mittelmaß stecken. „Insofern ist das jetzt auch ein normaler Prozess, in dem wir uns befinden.“ Jeder müsse sich selbst hinterfragen, ob er genug für den Erfolg investiere. Denn eins steht für Hanning fest: „Wir müssen das gemeinsam lösen.“ Wenn dann am Ende tatsächlich nur ein zehnter oder elfter Platz rausspringt, dann würden die Füchse das so auch akzeptieren. „Das wäre nicht gut, aber damit müssen wir dann auch leben.“

Trotz der Rückschläge fordert Hanning jetzt von allen Beteiligten die maximale Fokussierung auf die Gegenwart. „Und die bedeutet, dass wir im Pokal noch den Traum vom Final Four leben, im EHF-Cup noch gut im Spiel sind und selbst in der Bundesliga noch nach oben anknüpfen können“, sagt der Geschäftsführer. Nur wenn jeder Einzelne aus seiner Komfortzone gehe, könne man gemeinsam das sportliche Tal durchschreiten. Biss, Aggressivität und Kampfeslust sind also gefordert. Denn wie heißt es in der neuen Füchse-Hymne: „Wir sind die Jäger dieser Stadt.“