Hertha BSC

Im Abwehr-Modus

Jens Hegeler steht für Herthas Rückkehr zur Defensivtaktik. Auch in Gladbach soll das zum Erfolg führen

Gegen die Angriffe von außen, und von denen gab es reichlich in den vergangenen Monaten, hat Jens Hegeler eine Verteidigungsstrategie entworfen: wegschauen. „Ich versuche, möglichst wenig zu lesen. Deshalb bekomme ich das nicht so mit“, sagt der 26 Jahre alte Profi von Hertha BSC. Man könnte nun einwenden, dass Fußballer solche Sätze immer sagen, wenn sie nach Kritik an ihrer Leistung in den Zeitungen gefragt werden und dass diese meistens gelogen sind. Aber Hegeler kauft man das ab – wegen seines unverdächtigen Netter-Junge-von-nebenan-Gesichts, und weil das Wegschauen ja tatsächlich gewirkt hat.

Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass die ersten Monate von Jens Hegeler in Berlin ziemlich mies gelaufen sind. Im Sommer kam er für eine Million Euro und mit der Hoffnung aus Leverkusen, bei Hertha zum Führungsspieler aufzusteigen. Das klappte nicht und hatte Gründe: Nach einer langen Verletzung fehlte es an Frische und Geschwindigkeit. Aber die Gründe interessieren im Zweifel niemanden.

Aufgeblüht in neuer Rolle

Hegeler saß entweder auf der Bank, oder er machte auf dem Feld eine schlechte Figur. „Ich habe nicht die Rolle gespielt, die ich mir erhofft hatte. Meine eigenen Erwartungen habe ich nicht erfüllt“, sagt er. Hegeler merkte es ja nicht, aber die Zeitungen nannten ihn einen Fehleinkauf.

Seit zwei Partien allerdings gibt der Rechtsfuß eine ziemlich gute Figur ab, auch wenn hier ebenso die eigenen Erwartungen nicht erfüllt wurden: Denn eigentlich dachte Jens Hegeler, er werde im Mittelfeld gebraucht – die Position eben, für die er ausgebildet und geholt wurde. Sein Trainer Jos Luhukay aber sah das anders und stellte den 1,93-Meter-Mann einfach in die Innenverteidigung, weil dort auch John Heitinga die Erwartungen verfehlte. Ganz abwegig war das zwar nicht, weil Luhukay einst in Augsburg erlebte, wie Hegeler im Abwehrzentrum funktionierte. Doch das lag nun auch schon ein paar Jahre zurück. Zusammen mit John Brooks gelang das Experiment gegen den 1. FC Köln (2:1) aber recht gut, so dass Luhukay auch gegen den besten Angriff des Planeten, dem des FC Bayern eine Woche später, auf den Innenverteidiger Hegeler setzte. Und siehe da: Auch das klappte überraschender Weise. Nur einen einzigen Gegentreffer ließ man zu, was gegen die Münchner, die zuvor durchschnittlich fast drei Tore pro Partie erzielten, ein Erfolg ist.

„Ich bin schon etwas überrascht, dass es so gut funktioniert“, sagt Hegeler, ohne zu unterschlagen, dass auch im Zusammenspiel mit Brooks noch nicht alles passt. Auf der neuen Position habe er sein Spiel stark verändert: „Ich muss weniger risikofreudig agieren“, sagt er. Aber es gibt auch Vorteile: „Als Manndecker habe ich das Spiel und den Gegner vor mir. Es ist meist klar, um wen es geht.“ Eine Reduktion von Komplexität durch das Umschalten in den Abwehr-Modus.

Aufgrund jenes Rückzugs um eine Position nach hinten in die Defensive ist Jens Hegeler einen deutlichen Schritt nach vorn gekommen auf dem Weg zur Erfüllung der eigenen Erwartungen. Und damit steht er für die aktuelle Rückbesinnung auf eine Defensivtaktik seines Klubs insgesamt. Nahezu unbemerkt hat Jos Luhukay seit zwei Partien einen leichten Strategiewechsel vorgenommen: Nach dem Sieg gegen den Aufsteiger Köln sagten seine Spieler, es sei vornehmlich die Aufgabe gewesen, in der Abwehr stabil zu stehen. Das lag nicht daran, dass der FC zuvor offensivstark auftrat, sondern daran, dass sich Hertha auswärts schwer tat und in jeder Partie durchschnittlich zwei Gegentreffer kassierte. Elf Spiele lang wurde vergeblich nach Stabilität gesucht. Nun fand Hertha sie mit neuem Personal (Hegeler) und einer defensiveren Gangart. Nur zwei Gegentore in zwei Partien, das ist eine Reduktion der Anfälligkeit um 50 Prozent.

Im Abwehrmodus wird sich Hertha sehr wahrscheinlich auch zunächst gegen Borussia Mönchengladbach heute Nachmittag bewegen (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de). Zwar habe die Borussia zuletzt drei Partien in Folge verloren, aber dennoch sei das Team des ehemaligen Hertha-Trainers Lucien Favre „besonders im Umschaltspiel stark. Wir müssen da sehr fokussiert sein“, sagt Luhukay. Dass der Niederländer wohl erneut auf Julian Schieber statt auf Salomon Kalou als Sturmspitze in der Startelf setzen wird, belegt ebenfalls die These von der neuerlichen Besinnung auf defensive Stabilität. Schieber ist der bessere Zweikämpfer (39 Prozent gewonnener Duelle) als der Ivorer Kalou (21 Prozent) und arbeitet stärker mit nach hinten.

Dass auch Jens Hegeler wieder zur ersten Elf gehören wird, gilt als ziemlich sicher. Wehrt er sich erneut so gut gegen alle Angriffe, lohnt sich für ihn bald vielleicht auch mal wieder ein Blick in die Zeitungen.