Doping

Unter Schock

Enthüllung über Dopingpraxis in Russland führt zu Ermittlungen in den Verbänden. Aber reicht das aus?

Rasch ein neugieriger Klick auf Twitter, das anerkannt schnellste Nachrichtenmedium im Internet. Wie wird der Weltverband IAAF wohl die Anschuldigungen diverser Athleten gegen russische Leichtathletik-Funktionäre und Mediziner kommentieren, die den Weltsport seit Mittwoch in Aufruhr versetzen? Die Erkenntnisse aus der eindringlichen ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ schreien ja nach einer Reaktion. Nicht zuletzt, weil die IAAF als verstrickt beschrieben wird.

Doch der letzte Tweet auf @iaaforg datiert von Dienstag und ist eine Frage an 57.300 Follower mitsamt Foto: „Wie schnell kannst du 100 Meter in Stöckelschuhen laufen? Der Weltrekord steht bei 14,351 Sekunden.“ Allerhand.

Konkrete Aussagen zur unangenehmen Causa umschiffte die IAAF dann in einem Statement am späten Donnerstagnachmittag, wohl wissend, dass das Terrain vermint ist. Der Weltverband teilte mit: „Die IAAF hat die verschiedenen schwerwiegenden Anschuldigungen bezüglich Dopingaktivitäten in der russischen Leichtathletik zur Kenntnis genommen. Eine Untersuchung der Ethik-Kommission über Doping in der russischen Leichtathletik ist bereits auf den Weg gebracht.“ Mehrere russische Sportler hatten vor laufenden Kameras – und nach Angaben des Senders mit eidesstattlichen Versicherungen belegt – ein Bild der Sportstrukturen im größten Land der Erde gezeichnet, in denen „die meisten“ gedopt werden. Und zwar politisch und institutionell gewollt. Als Kronzeugen lieferten die gesperrte 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa, 28, und ihr Ehemann Vitali heimlich aufgezeichnetes Audio- und Videomaterial. Belastet werden u.a. die 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Sawinowa, 29, der Cheftrainer der russischen Leichtathleten, Alexej Melnikow, der Sportmediziner Sergej Portugalow sowie Valentin Balachnitschew.

Für 450.000 Euro freigekauft

Balachnitschew ist Präsident des nationalen Leichtathletik-Verbandes. Seit 2007 sitzt er in dem Entscheidungsgremium IAAF-Council, er ist zudem Schatzmeister des Weltverbands. Die Marathon-Weltklasseläuferin Lilja Schobukowa beschuldigt Balachnitschew in der ARD, involviert gewesen sein, als sie sich vor den Olympischen Spielen 2012 gegen Zahlung von rund 450.000 Euro an russische Funktionäre von einem Dopingverdacht freikaufte. In russischen Medien wurde dies von Betroffenen am Donnerstag dementiert oder sogar als Lüge abgetan. „Es gibt keine Tatsachen und Originaldokumente, die einen Verstoß belegen“, sagte etwa Nikita Kamajew von der nationalen Antidopingagentur Rusada: „Solange es kein offizielles Gesuch der Weltantidopingagentur Wada in dieser Sache gibt, sind dies für uns nichts anderes als schamlose Spekulationen.“

In Montreal, dem Wada-Sitz, stoßen die Vorwürfe gegen Russlands Sportelite zwar auf offene Ohren, zumal es unaufgeklärte Verdachtsfälle aus dem Riesenreich nicht nur ein Mal gegeben hat. Dass die Wada laut einer Stellungnahme nun aber ihre Informationen „an das entsprechende unabhängige Gremium im internationalen Verband“ – ergo die IAAF-Ethikkommission – weitergegeben hat und abwarten will, was bei den Ermittlungen herauskommt, lässt Szenebeobachter einigermaßen fassungslos zurück. Kann ein Sportverband, in dem augenscheinlich korrupte Funktionäre Fäden ziehen, wirklich unabhängig urteilen? Oder ist das nicht eher, als bitte die Polizei den Fuchs im Hühnerstall herauszufinden, wer die letzte Henne gerissen hat?

Die siebenköpfige Kommission unter Leitung des britischen Juristen Michael Beloff, 72, hat ab sofort Gelegenheit, derlei Befürchtungen zu zerstreuen. Ob und wann staatliche Ermittlungsbehörden Russlands eingreifen, zu denen sie laut russischer Gesetze verpflichtet wären, bleibt außerdem noch abzuwarten.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will die Vorwürfe ebenfalls von seiner Ethik-Kommission untersuchen lassen. IOC-Präsident Thomas Bach kündigte ein konsequentes Durchgreifen an: „Wenn als Ergebnis der Untersuchungen jemand ein Doping-Vergehen begangen hat, wird das IOC handeln“, sagte Bach am Donnerstagabend in Monte Carlo. Der Deutsche Helmut Digel, 70, beschreibt die größere Dimension in der neuen Causa Russland. Digel ist seit knapp 20 Jahren Mitglied im IAAF-Council, er sagt: „Da wird ein Kontrollsystem infrage gestellt, das weltweit aufgestellt wurde. Was das Dramatische bei der Angelegenheit wäre: Wenn man sich auf die Kontrolleure nicht mehr verlassen kann, wird das ganze Kontrollsystem ad absurdum geführt. Deshalb muss der Fall sehr sorgfältig geprüft werden.“

Kronzeugen sind geflüchtet

So wie es von der Rusada nach Aussagen mutiger Geheimnisverräter wie Ex-Rusada-Mitarbeiter Vitali Stepanov und seiner Julia (beide flohen aus Russland in ein unbekanntes Versteck) betrieben wurde, ist das Dopingkontrollsystem in Russland nicht mehr als ein teures Feigenblatt. Kontrolle bedeutete demnach vor allem, unter Kontrolle zu haben, wer als Doper öffentlich enttarnt wird und wer nicht. Parallelen zum Dopingsystem des DDR-Leistungssports werden erkennbar. Digel beschrieb die Erkenntnisse der ARD-Dokumentation so: „Für mich war das ganz fürchterlich. Es ist ekelerregend, was dort über die Sportart berichtet wurde.“