Kommentar

Unfähig zur Selbstreinigung

Raik Hannemann verortet den GAU nicht nur in Russland

Die Nachrichten dieser Woche verschaffen jedenfalls nur den Gegnern Argumente – und zwar reichlich.

Der gewaltige Kostenanstieg bei der Sanierung der Staatsoper um nun insgesamt fast 40 Prozent lieferte nach dem Flughafen BER einen weiteren Grund, Großprojekte der öffentlichen Hand in dieser Stadt mit Skepsis zu begegnen. Und als wäre das nicht schon hart genug, offenbarte sich in der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht“ auch noch das Versagen sämtlicher Systeme im Sport selbst.

Flächendeckender pharmazeutischer Betrug, wie er seit den Enthüllungen über das DDR-Staatsdoping so nicht mehr praktikabel erschien, wird in Wladimir Putins Reich demnach bis heute hemmungslos fortgeführt. Beteiligt sind dabei nicht nur Sportverbände, sondern auch das Sportministerium und die nationale Anti-Doping-Agentur Rusada. Und selbst internationale Institutionen wie der Leichtathletik-Weltverband IAAF sind offenbar von Betrügern unterwandert.

Das alles beschert dem Spitzensport mehr als ein Glaubwürdigkeitsproblem, nämlich eine Sinnkrise. Der einzige Gesellschaftsbereich, der in staatlicher Autonomie existiert, erliegt nämlich auf breiter Front allen Verlockungen, die ihm sein Aufstieg zur milliardenschweren Unterhaltungsindustrie bescherte. Denn Russland ist im Spitzensport ja nicht irgendwer. Bei den Winterspielen in Sotschi heimste der Gastgeber zuletzt die meisten Medaillen (33, 13 davon in Gold) aller Nationen ein. Auch bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften ein halbes Jahr zuvor stellte Russland die meisten Sieger (7). Zudem war und ist das Land Gastgeber zahlreicher weiterer Sportgroßveranstaltungen, so der Schwimm- WM 2015 und der Fußball-WM 2018.

„Wir können nur mit gutem Beispiel vorangehen und weiteren sauberen Sport betreiben“, lautete die Reaktion des deutschen Stabhochsprung-Weltmeisters Raphael Holzdeppe. Das mag für einen Athleten mit dem von seiner Karriere begrenzten Zeithorizont funktionieren, der Spitzensport insgesamt muss sich nun ganz andere Aufgaben stellen. Und dabei mit der Frage beginnen, ob er zur Selbstreinigung überhaupt fähig ist.

Die Reform-Agenda jedenfalls, mit der Präsident Thomas Bach das Internationale Olympische Komitee (IOC) in den nächsten Tagen in Monte Carlo weg vom Gigantismus und hin zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz vor allem in der westlichen Welt lotsen will, wirkt wegen des unübersehbaren Mangels an Demokratie, Transparenz und Sauberkeit im Weltsport auf einmal gar nicht mehr ambitioniert genug.