Nachwuchstalente

Auf dem Zettel der Späher

Die jungen Eisbären-Profis um Jonas Müller machen in der DEL auf sich aufmerksam

Mit den Worten gibt sich Jonas Müller noch sehr zurückhaltend. Wenn Trainer und Sportlicher Leiter direkt daneben sitzen, ist es auch nicht ganz leicht, einfach frei zu erzählen, was einem so durch den Kopf geht. Mit 19 Jahren ist der Verteidiger aber dazu noch unerfahrenen im Umgang mit vielen Fragestellern. Ganz wohl fühlte er sich offenbar nicht. Doch in diese Situation hatte er sich selbst gebracht, auf dem Eis gehört die Zurückhaltung nämlich nicht mehr zu Müllers hervorstechenden Eigenschaften.

Tags zuvor hatte der Abwehrspieler erheblich dazu beigetragen, dem EHC Eisbären in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) nach drei Auswärtsniederlagen wieder zu einem Sieg zu verhelfen. Das erste Tor beim 4:3 nach Penaltyschießen bei den Kölner Haien erzielte er selbst, das dritte bereitete er vor. „Das fühlt sich gut an“, sagt er. Es war Müllers erstes DEL-Tor.

Man könnte behaupten, er hat sich die richtige Partie ausgesucht für einen tollen Auftritt. Auf der Tribüne saß der Europascout der Los Angeles Kings, dem aktuellen Champion der NHL und Partnerklub des EHC. Erst am Tag danach erfuhr Müller davon. Egal. „Ich spiele nicht anders, nur weil jemand zuschaut“, sagt der gebürtige Berliner. Tatsächlich aber sah sich Christian Ruuttu auch Müller genau an. „Er ist auf einer normalen Tour und hat mehrere Spieler auf dem Zettel, Jonas gehört dazu“, sagt Stefan Ustorf, der Sportliche Leiter der Berliner. Auch am Freitag, wenn der EHC daheim erneut auf die Rheinländer trifft, sitzt Ruuttu wieder im Publikum (19.30 Uhr, O2 World).

Für den Scout könnten die Spiele der Berliner derzeit allgemein ganz interessant sein. Einige junge Leute spielen dort gerade ziemlich gut für ihr Alter, die Verteidiger Henry Haase, 21, und Alex Trivellato, 21, gehören ebenso dazu wie Stürmer Sven Ziegler, 20, und Torhüter Mathias Niederberger, 22. Der Trainer will das gar nicht überbewerten. „Sie müssen noch viel lernen, aber sie machen ihren Job ordentlich“, sagt Jeff Tomlinson. Ein bisschen mehr tun sie schon. „Sie geben uns die Flexibilität, jemanden sitzen zu lassen, wenn er nicht gut spielt“, so der Trainer.

Das traf zuletzt Casey Borer, einen erfahrenen Verteidiger, der sogar ein paar Spiele in der NHL absolvieren durfte. Bei den Berlinern fällt der US-Amerikaner vor allem durch Fehler auf. In Ingolstadt (2:3) am Sonntag wurde er dafür keine Sekunde eingesetzt, stattdessen übernahmen die jungen Verteidiger seine Position. „Er hat gut reagiert und in Köln solide gespielt“, sagt Tomlinson. Die jungen Spieler befeuern den internen Konkurrenzdruck.

So hat sich der Trainer das vorgestellt. Vergangene Saison funktionierte das noch nicht so gut, doch dort wurden Erfahrungen gesammelt, die nun helfen, noch mehr Leistung zu bringen. Müller kam in der vorigen Spielzeit schon zu elf Einsätzen und musste diese Saison in der Zweiten Liga bei Kooperationspartner Dresden beginnen. „Es ist immer gut, viel zu spielen“, sagt er dazu. Inzwischen stehen auch in dieser DEL-Runde elf Einsätze in der Statistik, die aber eine ganz andere Wertigkeit haben. Denn Müller erhält viel Eiszeit. „Er übernimmt Verantwortung und ist ein Konkurrent für alle“, erzählt Jeff Tomlinson.

Schwankungen bei den Etablierten

Auf die anderen trifft das ebenso zu. Niederberger gewann vier seiner sechs Spiele, Haase erzielte bereits zwei Tore, Ziegler harmoniert gut mit seinen Sturmpartnern, Trivellato hat sich nach mehreren Monaten in Dresden schnell eingefügt. Sorgen machen Tomlinson viel mehr die Schwankungen bei den etablierten Profis, sowohl vorn als auch hinten. Das ist manchmal selbst durch couragierte Aufritte der Youngster nicht zu kompensieren.

Doch genau diese Defizite bieten eben die Chancen, die junge Spieler brauchen, um sich zeigen zu können. Dass solche Partien wie in Köln nicht viel bedeuten müssen, weiß Müller auch. „Noch habe ich hier meinen Platz nicht gefunden, aber ich bin froh, dass mir das Vertrauen gegeben wird“, erzählt er. Ihm ist klar, dass er noch einiges zu tun hat, wenn er seinen Wunsch nach dauerhafter Präsenz im Profiteam der Eisbären wahr machen möchte. „Körperlich habe ich kein Problem mit dem Spiel in der DEL, mit dem Tempo ist das schwieriger. Manchmal verliere ich noch meinen Gegenspieler. Aber das bügelt Frankie dann aus“, sagt Müller, der mit Nationalspieler Frank Hördler ein Paar bildet.

In Köln zumindest ist Müller mal seinem Kontrahenten entwischt. Bei der U20-WM Ende des Monats in Kanada könnte das leichter werden. Definitiv sitzen dort mehr NHL-Scouts auf der Tribüne als in Köln oder Berlin.