Kommentar

Zeitenwende im Fußball

Jörn Meyn über das Ja zur Torlinientechnologie

Es sind zwei Kernfragen des deutschen Fußballs, welche die Bundesligaklubs nun geklärt haben. Kernfrage eins: Tor oder nicht Tor? Durch das Ja zur Einführung der Torlinientechnologie wird es darüber in Zukunft keinerlei Debatten mehr geben. Sicher, es hat Spaß gemacht, sich tage-, jahre- und jahrzehntelang darüber zu streiten, ob der Ball drin war oder nicht. Adieu Wembley, adieu Bloemfontein. Sicher ist das auch ein bisschen schade, aber aus Gründen der Gerechtigkeit, vor allem aber der Glaubwürdigkeit und des Schutzes vor Manipulationen, ist das zu verschmerzen.

Doch warum ist das eigentlich so schade, wenn dem Fußball ein Stück Streitpotenzial verloren geht? Das bringt uns zur Kernfrage zwei. Sie lautet: gestern oder morgen? Tradition oder Innovation? Auch darüber wird seit Jahren gezankt: Die Bewahrer beklagen die fortwährende Entfremdung im Fußball. Alles soll bitteschön so bleiben wie es immer war. Die Progressiven verweisen auf die Verbesserung durch Veränderung. Mit dem Ja für die Torlinientechnik haben sich nun endgültig Letztere durchgesetzt. Denn Hawk Eye wird nur der Anfang sein. Die Einführung des Videobeweises steht schon vor der Tür, und auch dadurch wird das Spiel gerechter und glaubwürdiger.

Wir erleben deshalb eine Zeitenwende im deutschen Fußball, weil damit die goldene Kuh Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters geschlachtet wird. Der Faktor Mensch tritt hinter den Faktor Technik zurück. Das tut natürlich auch etwas weh. Aber es ist notwenig, weil es technisch machbar ist und vom Publikum im TV ohnehin schon genutzt wird – mit Zeitlupen und Wiederholungen. Zudem hat es sich längst in anderen Sportarten wie Tennis, Volleyball und Hockey bewährt. Dass mit dem Einzug der Technik das Spiel nicht mehr von der untersten bis zur oberste Klasse dasselbe ist, hat auch dort nicht zu Austritten geführt.

Und übrigens: Bei allen radikalen Änderungen bisher – sei es die Einführung des Tornetzes, der Möglichkeit des Wechselns von Spielern oder der Rückpassregel: Der Fußball hat nie an Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil.