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Das System ist der Star

Jos Luhukay fordert Lucien Favre: Die Trainer von Hertha und Gladbach haben erstaunlich ähnliche Stärken und Schwächen

Höflichkeit eint sie beide. Lucien Favre hält es bei Borussia Mönchengladbach so, wie zuvor bei Hertha BSC. In jedem Büro auf der Geschäftsstelle des Bundesligisten schaut er vorbei und sagt Guten Tag. Auch Jos Luhukay, seit 2012 Cheftrainer bei Hertha, ist Stil wichtig: Ob hochkarätiger Sponsor, prominenter Spieler oder Praktikant der Medienabteilung – Luhukay hält an, begrüßt persönlich und wechselt ein paar Worte. Unabhängig davon, wie abgehoben die Fußballindustrie Profifußball geworden ist – für Favre, 57, und Luhukay, 51, ist Wertschätzung für andere wichtig.

Am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) treffen sie aufeinander. Favre, seit Februar 2011 Trainer in Gladbach, empfängt am 14. Bundesliga-Spieltag Luhukay mit Hertha BSC. Respektvoll ist auch der Umgang der Konkurrenten miteinander. „Max Eberl und Lucien Favre machen sehr gute Arbeit. Gladbach hat sich Jahr für Jahr ständig weiterentwickelt.“ Favre seinerseits redet den Gegner stark: „Ich erwarte ein schwieriges Spiel gegen einen schwierigen Gegner.“

Titel trotz schmalem Budget

Doch beide Trainer sitzen nicht wegen guter Umgangsformen an verantwortungsvoller Position. Sondern weil sie eine Qualität eint, die im Profifußball rar gesät – und deshalb sehr gesucht ist. Sowohl der Schweizer Favre als auch der Niederländer Luhukay haben sich den Ruf erarbeitet, ihre Mannschaften besser zu machen, als es die Addition der Einzelspieler nahelegt. So hatte Favre in der Schweiz mit Außenseiter FC Zürich dem großen FC Basel die Titel in Serie weggenommen: Der FCZ wurde 2005 Pokalsieger und 2006 sowie 2007 Schweizer Meister. In Deutschland verblüffte Favre die Fachwelt, dass er mit einem Durchschnittskader von Hertha 2008/09 bis zum Ende um die Deutsche Meisterschaft und einen Startplatz in der Champions League spielte. Diesen Ruf festigte Favre in Mönchengladbach. In aussichtslos scheinender Situation übernahm er Gladbach als Tabellenletzter. Hielt über die Relegation die Bundesliga. Und führte die Borussen 2012 und 2014 jeweils ins internationale Geschäft.

„Auch in dieser Saison ist Gladbach stark“, sagte Luhukay. Eine Zeit lang galten die Favre-Schützlinge als erster Bayern-Jäger. „Zudem sind sie noch im DFB-Pokal dabei und haben in der Europa League überzeugende Leistungen geboten“, sagte Luhukay. Damit ist Favre einen Karriere-Schritt weiter als Luhukay. Der hatte sich 2007/08 überraschend als bis dahin unbekannter Trainer in Mönchengladbach behauptet und war mit der Borussia in die Bundesliga aufgestiegen. Sein Aufstieg 2011 mit dem FC Augsburg ins Oberhaus galt als Überraschung. Als Sensation wurde in der Branche wahrgenommen, dass Luhukay mit dem FCA trotz eines miserablen Starts im Frühjahr 2012 vorzeitig der Klassenerhalt gelang.

Favre und Luhukay einen auf dem Weg zum Erfolg zwei Eigenschaften: Beide sind knochentrockene Realisten. Sie träumen nicht von Superstars oder XXL-Budgets, die ihnen ihre Arbeitgeber ohnehin nicht bieten können. Andererseits verfolgen beide geradezu besessen die Idee, wie sie spielen wollen. Das Kollektiv steht über allen. Favre und Luhukay verlangen, dass sich ihre Spieler bedingungslos einlassen auf die Vorstellung von einer kompakten, beweglichen Mannschaft. Flüssig und gefährlich wie Quecksilber.

Eine weitere Eigenheit, die sie verbindet, ist die Detailverliebtheit. Unvergessen die mürrische Miene von Josip Simunic, als Favre dem damaligen vielfachen WM-Teilnehmer auf dem Trainingsplatz demonstrierte, wie er bei weiten Flanken im Aufbau seine Hände halten sollte. Nicht hängen lassend, wie Simunic es machte, sondern mit Anspannung zur Seite, damit die Hände wie kleine Flügel die Balance von Simunic und damit seine Genauigkeit beim Passen verbessern. Dutzendfach ließ der Trainer das den hochdekorierten Nationalspieler wiederholen. In offene Revolte schlug es um, als Favre die Fußhaltung vom Marko Pantelic beim Torabschluss korrigierte. Der Torjäger stritt mit seinem Vorgesetzten lautstark.

Schmaler Grat bei Spieler-Kritik

Es ist ein schmaler Grat, auf dem Favre und Luhukay wandeln. Sie meinen ihre Kritik eigentlich nie persönlich, sondern als Hilfe für die jeweiligen Profis. Aber je nach Gemütslage des Spielers, kann er mit offenen Worten besser oder schlechter umgehen.

Mit ihrem Glauben an ein Spielsystem sind bei beiden Trainern auch Probleme vorgezeichnet: Mit Stars, wenn die ihren Job so verstehen, dass sie auf eine besondere Rolle in der Mannschaft pochen. Pantelic nützte sein Status als Publikumsliebling nichts, er wurde von Favre mehr und mehr beiseite gedrängt, so dass der Serbe Hertha im Sommer 2009 verließ. Der Schweizer hat sich inzwischen weiterentwickelt. Er unterstützte Marco Reus, 2011/12 der Schlüsselspieler in Gladbach, nach Kräften, ehe die Borussen den Nationalspieler nach Dortmund ziehen lassen mussten.

Aktuell fordert Luhukay von Salomon Kalou, dass der Sieger der Champions League (2012 mit dem FC Chelsea) sich mehr in das Spiel bei Hertha einbringen solle. Er sei zuversichtlich, dass Kalou das leisten werde. Konsequent, wie Luhukay ist, spielt derzeit aber Julian Schieber – Kalou sitzt auf der Bank. Diese Konsequenz ist ein weiterer Punkt, der Favre und Luhukay eint.

Aktuell sind jedoch beide in einer anderen Disziplin gefordert. Favre war er im Herbst 2009 als Krisen-Manager brutal gescheitert. Mit Gladbach steckt er nach starkem Saisonstart nach drei Niederlagen in Folge in einer Mini-Krise. Favre ist gewachsen, als er im Frühjahr 2011 auch den Feuerwehr-Job in Gladbach gemeistert hat. Personalien wie im Moment gehören zum Trainer-Alltag: Wie bei den letzten drei Begegnungen wird der am Oberschenkel verletzte Abwehrchef Martin Stranzl Gladbach auch gegen Hertha fehlen. Favre sagt, Hertha sei schwierig einzuschätzen. „Wir werden sehen, ob wir das Spiel machen oder ob wir kontern müssen. Wir müssen auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein.“

Luhukay hatte nach den Verstärkungen im Sommer gehofft, dass Hertha sich weiter oben in der Tabelle etablieren könne. Doch mit 14 Punkten rangieren die Berliner nur zwei Zähler vor den Abstiegsplätzen. Und haben schwere Gegner mit Mönchengladbach, Dortmund, Frankfurt und Hoffenheim. Doch steht Luhukay auf dem Gas-Pedal: „Ich wünsche mir bis zum Winter 20 Punkte.“