Wintersport

Rückkehr des Lachens

Beim Heim-Weltcup in Berlin freut sich Claudia Pechstein auch darüber, dass sie im Prozess um ihre Sperre nun bessere Chancen hat

Ausschließen kann man bei ihr nichts, das hat sie neulich erst wieder gezeigt. Weltcupsieg vor zwei Wochen in Seoul, mit 42 Jahren. Eigentlich macht es gar keinen Spaß mehr, das Alter zu erwähnen. Aber das ist nun mal eines dieser besonderen Merkmale von Claudia Pechstein. Sie kann sich über scheinbare Grenzen hinwegsetzen, die Eisschnellläuferin aus Berlin hat die Kraft, den Willen. Beim Heim-Weltcup in Hohenschönhausen, wo sie am Freitag über 3000 Meter antritt (16 Uhr), will sie das wieder zeigen.

Der Antrieb ist größer denn je. Bislang konnte sie sich nur sportlich Genugtuung verschaffen, vor Gericht gelang das nicht. Sie kam nicht weiter beim Kampf gegen den Weltverband ISU, der sie 2009 für zwei Jahre gesperrt hatte. Zu Unrecht, denn nicht Doping führte bei ihr zu erhöhten Retikulozytenwerten, sondern eine vererbte Blutanomalie, wie viele Experten inzwischen nachwiesen. Gut zwei Wochen vor Seoul wendete sich auch hier das Blatt, so sieht es zumindest aus. Zum ersten Mal überhaupt in fünf Jahren des Prozessierens. Als ihr bewusst wurde vor dem Oberlandesgericht in München, in welche Richtung es geht, stellte sich ein neues Gefühl ein. „Da hat es mich von innen überwältigt. Vor lauter Erleichterung habe ich plötzlich im Gerichtsaal geweint. Ich war selbst so erschrocken, dass ich hinausgeeilt bin“, erzählt Claudia Pechstein. Ihr Lebenspartner Matthias Große konnte sie beruhigen, nach zwei Minuten war sie wieder im Saal und aufnahmebereit. Es gab so vieles, das sie gern hörte. Seither lebt es sich wieder zuversichtlicher, der Sport macht noch etwas mehr Freude als ohnehin.

Pechstein hatte nur gehofft, dass endlich in der Sache verhandelt wird. Bislang scheiterte dies stets aus formalen Gründen. Immerhin hatte das Landgericht München schon in erster Instanz festgestellt, dass die Schiedsklausel, mit der sich Sportler der Sportgerichtsbarkeit unterwerfen müssen, aufgrund der Monopolstellung der Verbände, die bei Zuwiderhandlungen Wettkampfverbote erteilen können, nicht wirksam ist. Andererseits sei Pechstein seinerzeit vor dem Sportgerichtshof Cas anwaltlich vertreten gewesen, wodurch das Ungleichgewicht aufgehoben sei und das Urteil, das sie als Doperin brandmarkte, nicht noch einmal überprüft werden könne.

Wieder kein echter Fortschritt. „Manchmal glaubt man, dass man sowieso keine Chance hat – als Einzelner gegen einen mächtigen Weltverband. Ich habe mich schließlich mit dem gesamten System der Sportgerichtsbarkeit angelegt“, sagt Pechstein. Bei der Revision scheint Pechstein nun aber erstmals auf Richter getroffen zu sein, die die Dinge insgesamt anders bewerten. Das Gremium um den Vorsitzenden Rainer Zwirlein äußerte große Zweifel an der Arbeitsweise des Cas. Es stellte auch klar, dass Pechsteins Prozess dort nicht rechtens gewesen sein könne, wenn er auf einer Vereinbarung beruhe, die unwirksam ist.

Sportler haben alle Rechte

Vor dem Gericht entwickelte sich eine Konversation, in der die drei Richter eine Tendenz ihrer zukünftigen Entscheidung vorgaben. Natürlich versuchte die ISU-Seite, die Richter von ihrer Auffassung zu überzeugen. Doch je mehr sie das taten, desto mehr stellten sich die Richter gegen diese Ansichten. „Das soll jetzt nicht mehr gelten, weil Frau Pechstein irgend so einen Zettel unterschrieben hat?“, fragte der Vorsitzende bezüglich des Punktes, dass jeder deutsche Bürger laut Grundgesetz ein deutsches Gericht anrufen könne. Sportler sollen das nicht dürfen wegen der Schiedsvereinbarung.

Pechstein konnte kaum glauben, was sie hörte, so viel Zuspruch hatte die Berlinerin noch nie vor Gericht erfahren. Weiter führten die Richter aus, dass man weitere Verhandlungstage ansetzen könne, aber damit zu rechnen sei, dass die ISU letztlich Einspruch einlegen würde gegen ein Urteil. Um diesen Weg zu verkürzen, will das OLG am 15. Januar ein Teilurteil sprechen, mit dem das Urteil des Landgerichts, so wird es erwartet, aufgehoben und Pechsteins Klage zugelassen wird. Um das zu verhindern, müsste die ISU vor dem Bundesgerichtshof in Revision gehen, was den Fall zum ersten Mal drehen würde und die ISU in die Defensive brächte. Sie müsste aktiv Rechtsmittel einlegen. „Damit riskiert sie allerdings ein höchstrichterliches Grundsatzurteil, welches von allen Sportverbänden zu beachten wäre. Da mag es sportpolitisch klüger sein, die destruktive Haltung aufzugeben und konstruktiv an einer Lösung mitzuwirken, die in einen Vergleich mündet, der Claudia Pechstein rehabilitiert und entschädigt“, sagt Pechsteins Anwalt Thomas Summerer.

Der Weg zu Schadensersatz und Schmerzensgeld – 4,4 Millionen Euro waren gefordert – ist also noch lang. Aber erstmals sieht es so aus, als wäre die Hoffnung darauf berechtigt. „Ich zwinge mich mittlerweile dazu, nicht zu euphorisch auf das nächste Urteil zu warten. Dennoch bin ich diesmal voller Hoffnung. Das wäre ein echter Meilenstein auf dem Weg zu meiner vollständigen Rehabilitierung“, sagt Pechstein, die am Wochenende wieder ihr Feindbild ISU ärgern will.