Fußball

Hertha wird zum Zünglein an der Waage

Bundesliga stimmt über Einführung der Torlinientechnik ab. Gibt es erneut keine Mehrheit dafür?

Hertha BSC wird einer von drei Schlüsselvereinen sein, wenn über die Einführung der Torlinien-Technologie abgestimmt wird. Das Thema steht zum zweiten Mal innerhalb von nur neun Monaten zur Abstimmung, wenn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) am morgigen Donnerstag in Frankfurt/Main zur Versammlung lädt. Nachdem im März dieses Jahres die 36 Erst- und Zweitligisten die heiß diskutierte Neuerung abgelehnt hatten (9:9 Stimmen in der Bundesliga, 3:15 in der Zweiten Liga), stimmen diesmal nur die 18 Bundesligisten ab.

Schiller stimmt für Hertha ab

Erforderlich ist eine Zweidrittel-Mehrheit, das wären mindestens zwölf Ja-Stimmen. Laut den Umfragen von Sportinformationsdienst und Sky gibt es in der Bundesliga derzeit zehn Befürworter der neuen Technologie. Die bekanntesten sind der FC Bayern, Borussia Dortmund, 1899 Hoffenheim und der FSV Mainz. Fünf Klubs sind dagegen. Drei Vereine haben sich noch nicht entschieden. Nach Informationen der Berliner Morgenpost gehört Hertha BSC zu den Unentschlossenen. Für den Hauptstadt-Klub wird Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller vor Ort sein. „Wir hören uns an, wie die neuen Parameter aussehen und entscheiden dann, wie wir als Hertha abstimmen werden“, sagte Schiller.

Die Befürworter der Technologie müssen nach zwei Seiten hin argumentieren. Da gibt es die Traditionisten, für die im März Fredi Bobic gesprochen hatte, der damalige Sportdirektor des VfB Stuttgart. „Mir gefällt der Fußball, wie er ist.“ Dazu gehöre, dass der Spielleiter, der Schiedsrichter, ein Mensch ist, der sich auch mal irren könne.

Auf der anderen Seite gibt es Kritik, dass die Überwachung des Tores, also die Frage, ob der Ball die Linie im vollen Umfang überschritten hat, viel zu kurz greifen würde. „Ich habe keine neuen Erkenntnisse gewinnen können“, sagte Horst Heldt, der Manager des FC Schalke: „Wir sind für den Videobeweis. Torlinientechnik ist Flickschusterei, das kommt 30 Spiele lang überhaupt nicht vor.“

Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien war die Torlinientechnik im Einsatz und funktionierte tadellos. Allerdings gab es bei diesem Turnier keine Situation, bei der die Technik eine strittige Situation entscheiden musste. In Deutschland hatte der FC Bayern darauf gedrängt, dass nach dem DFB-Pokalfinale im Olympiastadion das Thema erneut auf die Tagesordnung kommt. Damals hatte Mats Hummels für Borussia Dortmund beim Stand von 0:0 einen regulären Treffer erzielt (siehe Foto oben), aber Schiedsrichter Florian Meyer hatte auf „kein Tor und Weiterspielen“ entschieden.

Alexander Rosen, Sportdirektor der TSG 1899 Hoffenheim und einer der Befürworter für die Technologie, sagt: „Wir dürfen uns den Neuerungen nicht verschließen, Die Technik verändert nicht den Charakter unseres Sports, sondern regelt im Sinn aller Beteiligten einfach und schnell die elementare Entscheidung über Tor und kein Tor.“

Hertha BSC hat das eigene Abstimmungsverhalten von der Qualität des Vorschlages abhängig gemacht, den die DFL morgen den Vereinen unterbreiten wird. Im März hatte sich Hertha darüber geärgert, nicht ausreichend von der DFL informiert worden zu sein. Zudem war die DFL nach Meinung der Gegner nur unzulänglich auf die Gegenargumente eingegangen.

So benötigt selbst die modernste Technik eine Toleranzgrenze von 1,5 Zentimetern – rechts und links der Torlinie. Das war Hertha BSC im März noch zu viel gewesen.

500.000 Euro für drei Jahre

Unstrittig ist, wer im Fall einer Einführung die Kosten tragen wird: die Vereine. Die Technologie soll pro Klub 500.000 Euro kosten, verteilt über drei Jahre. So lange läuft die erste Periode, die die DFL im September bei einer Ausschreibung der Torlinien-Technologie ausgelobt hatte. Laut Ausschreibung soll die Technik – im Fall eines positiven Votums – am 1. Juli 2015 starten und zunächst bis Juni 2018 im Einsatz sein. Der Weltverband Fifa hat bisher vier Unternehmen lizenziert, je zwei davon arbeiten mit einem Magnetfeld und einem Chip im Ball, die anderen mit Kamera-Technik (siehe Grafik).

Bei der DFL ist man zuversichtlich, den 18 Bundesligisten einen substanziellen Vortrag samt einer Empfehlung „pro Technik“ vorlegen zu können.

Die DFL sieht sich für eine Einführung gerüstet. „Wäre ich Klub-Verantwortlicher, würde ich wahrscheinlich dafür stimmen“, sagte DFL-Boss Christian Seifert. Die Fußballwelt habe sich ein wenig gewundert, „warum gerade Deutschland die neue Technik bisher nicht eingeführt hat“.