Wintersport

Schüsse gegen die Heimat

Einst gewann Michael Rösch Biathlon-Gold für Deutschland, jetzt startet er für Belgien

Das mit den verschiedenen Sprachen ist schon verflixt. Mal Französisch in der Wallonischen Region, mal Niederländisch in der Region Flandern. Michael Rösch lacht, dann sagt er in sächsischem Akzent: „Ich kann ja noch nicht mal ordentlich Deutsch. Aber ich bin gern ein Belgier.“ Einst gewann der 31-jährige Biathlet olympisches Gold für Deutschland, Rösch war 2006 Teil der siegreichen Staffelmannschaft bei den Winterspielen in Turin, am Mittwoch feiert der Skijäger in Östersund seine Premiere für das Königreich Belgien. Nach der Mixedstaffel am vergangenen Sonntag wird der erste Weltcup des nacholympischen Winters am Mittwoch (17.15 Uhr, ARD) mit dem Einzel der Männer über 20 Kilometer fortgesetzt. Es ist die älteste Disziplin in der Geschichte der Skijäger.

Gold bei der Sommer-WM

Für Rösch ist es freilich eine ganz neue Erfahrung. Nicht dass er auf Langlaufskiern durch die Loipe eilt und bei den vier Schießeinlagen nach der optimalen Trefferquote strebt, das tut er schon seit Kindesbeinen an, aber er tut es auf Schnee eben erstmals für sein neues Land. Im Sommer, bei der WM in Tjumen in Sibirien, triumphierte Rösch immerhin schon auf Skirollern, gewann nach Silber im Sprint auch noch Gold in der Verfolgung und setzte mit dem ersten WM-Titel im Biathlon eine historische Marke für Belgien. Stolz schwenkte er damals die schwarz-gelb-rote Fahne und lauschte andächtig seiner neuen Nationalhymne. „Das war schon ein sehr bewegender Moment“, erinnert sich der 31-Jährige.

Ähnlich emotional wird es wohl auch am Mittwoch in Östersund, wenn Rösch nach sage und schreibe 990 Tagen Zwangspause wieder offiziell im Weltcup dabei ist. „Das wird schon etwas ganz Besonderes“, ahnt er, „alleine zu wissen, dass ich nach so langer Zeit wieder starten darf, ist ein unbeschreibliches Gefühl.“ Für seine erste Saison unter neuer Flagge hat sich Rösch keine konkreten Ziele gesetzt. Immerhin sei das wichtigste Ziel erreicht, „nämlich dass ich am Mittwoch aus dem Starthaus knalle. Ich muss mich da etwas zügeln und versuche, mir realistische Ziele zu stecken.“ Über zwei Jahre habe er keinen Winter-Wettkampf bestritten. Vielleicht sei er ja für eine Überraschung gut, „aber mein wichtigstes Ziel ist es, erst einmal konstante und solide Rennen abzuliefern.“ Gespannt darf man sein, wie es dabei am Schießstand laufen wird. Rösch war dereinst ein enorm schneller Schütze. In seinen besten Zeiten blieb er bei den fünf Schuss pro Schießeinlage nicht selten unter 20 Sekunden. Das ist weltklasse.

Er ist auf jeden Fall bereit. Oder im Rösch’schen Duktus: „Ich bin heiß wie Frittenfett.“ So kennt man ihn. Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, dazu ein verschmitztes Lächeln, weil er vielleicht schon den nächsten Witz im Kopf hat. Früher galt Rösch als Heißsporn, der sich nach eigener Aussage „überhaupt keinen Kopf“ um die Dinge gemacht hat. Heute wirkt der 31-Jährige nicht mehr ganz so forsch. Rösch ist gereift. Zum einen, weil das Alter das im Idealfall so mit sich bringt; aber auch, weil er sich in den vergangenen Jahren nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens befand. Im Gegenteil, eigentlich war es nach der olympischen Goldfahrt in San Sicario immer nur bergab gegangen.

Dabei war er schon als der legitime Nachfolger der Biathlon-Legenden Ricco Groß und Sven Fischer gehandelt worden. Aber es folgten lediglich mittelprächtige Winter mit nur wenigen Podiumsplätzen. Und dann kam zu Beginn der Saison 2009/2010 der große Einbruch, ausgerechnet vor den Winterspielen in Vancouver. Als „Schneeballeffekt“ bezeichnet Rösch den damaligen Leistungsabfall. „Ich habe vor lauter Ehrgeiz einfach zu viel Gas gegeben. Es geht im Biathlon ganz schnell, dass man in zwei Wochen seine Form sozusagen in die andere Richtung trainiert.“ Dazu kamen Probleme im Privatleben. Rösch: „Alles lief in die falsche Richtung.“ Olympia in Vancouver musste Rösch vom heimischen Sofa in Zinnwald verfolgen.

Weniger Geld und Sicherheit

Zwar kämpfte sich Rösch wieder zurück ins deutsche Team, doch wegen einer Krankheit verpasste er die Heim-WM 2012 in Ruhpolding. Es kam zudem zu Querelen mit dem Deutschen Skiverband (DSV). Rösch traf eine folgenschwere Entscheidung: Nationenwechsel nach Belgien, um die ins Stocken geratene Karriere doch noch zu retten. Doch auch jetzt wieder lief es nicht rund, die Einbürgerung gestaltete sich extrem schwierig. „Das war ein Tauziehen und hat sich lange hingezogen. Es war wie ein Rennen zwischen Trabi und Porsche, immer hat etwas gedrückt“, sagt Rösch und bewies wieder einmal langen Atem. An Aufgeben hat er nicht gedacht, Zweifel waren ihm fremd. „Der Trabi hat gesiegt, und ich merke, dass ich jetzt locker werde und angreifen kann.“ Für den Wechsel nach Belgien verzichtete Rösch auf Geld und Sicherheit. Er musste seinen Beamtenstatus auf Lebenszeit bei der Bundespolizei aufgeben, hat jetzt weniger Geld zur Verfügung.

Genugtuung gegenüber dem DSV empfindet Rösch nicht. Er guckt nicht zurück, pflegt auch mit einigen deutschen Biathleten wie Arnd Peiffer noch „einen super Kontakt“. Rösch ist nach vielen Rückschlägen seinen eigenen Weg gegangen: „Dass es geklappt hat, macht mich auch stolz.“